"Das Regime verdient den Nobelpreis für Betrug" – Seite 1

Louisa Ait Hamadouche hält es nicht mehr auf ihrem Stuhl im kleinen Café le 404. "Ich muss los", sagt die zierliche Frau mit Kopftuch und schlüpft in ihren Mantel. Von draußen hört sie die Rufe "Wir wählen keinen dieser Wölfe" und "Ab in die Mülltonne mit den Generälen". Das Café liegt in der Rue Bessa Ahmed, nahe der breiten Didouche Mourad, wo allwöchentlich die Proteste in der algerischen Hauptstadt stattfinden.

Ait Hamadouche ist Politikprofessorin an der Universität Algier und gilt als gewichtige Stimme der Hirak-Protestbewegung. Sie will wenigstens noch die letzte halbe Stunde dabei sein. Denn an diesem Freitag sind die Menschen besonders wütend. Das Regime hat wenige Stunden zuvor Ex-Premierminister Abdelmadjid Tebboune als Sieger der umstrittenen Präsidentenwahlen ausgerufen. Die Protestbewegung hatte zuvor jedoch demokratische Reformen gefordert, die das korrupte Machtsystem abschaffen sollen, das auf der undurchsichtigen Verbändelung von Politik, Militär und Geheimdienst beruht. Dann erst wollen die Menschen einen Nachfolger für den 82-jährigen Abdelaziz Bouteflika bestimmen, den sie im April zum Rücktritt zwangen.

Der 74-jährige Tebboune gilt als altes Schlachtross des Regimes und als Favorit des Militärs. Gleich im ersten Wahlgang landete er mit 58,1 Prozent um Längen vor seinen vier ebenfalls handverlesenen Konkurrenten. Das erspart den Algeriern zumindest die Demütigung eines zweiten, ähnlich krass gefälschten Wahlganges.

Angeblich über 41,1 Prozent Wahlbeteiligung

Der Verdacht der Fälschung gilt vor allem für die Wahlbeteiligung, an der die Legitimität des neuen Staatsoberhauptes hängt. Sie lag laut staatlicher Wahlleitung angeblich bei 41,1 Prozent. EU-Beobachter waren diesmal vorsichtshalber gar nicht erst zugelassen. In kaum einem von Journalisten besuchten Wahllokal lag die Beteiligung jedoch geschätzt bei mehr als bei zehn Prozent.

Überall waren die Wahllokale gähnend leer und es herrschte stumme Ratlosigkeit unter den staatlichen Wahlhelfern. "Das Regime verdient den Nobelpreis für Betrug", spottete einer der jungen Demonstranten. Stirn und Nase hat er sich mit weißem Mehl bestäubt. Mit massenhaft verstreutem Pseudokokain macht sich die Menge lustig über die Familie des frisch gekürten Staatsoberhauptes. Dessen Sohn wurde im vergangenen Jahr mit 700 Kilo Koks erwischt und sitzt seitdem im Gefängnis.

Die Politologin Louisa Ait Hamadouche sieht Algerien nach dieser "miserablen Abstimmung" an einem Scheideweg. "Zwischen dem Volk und dem Regime herrscht das totale Misstrauen, das ist der Kern unserer politischen Krise", sagt sie. Und sollte der neue Präsident weiterhin darauf setzen, die Forderungen des Hirak zu ignorieren, die Volksbewegung einzuschüchtern und an der Nase herumzuführen, könnte das Land eine riskante Richtung einschlagen. Denn politisch gibt die Machtelite bisher nicht nach, lässt es bei gelegentlichen Einsätzen von Wasserwerfern und Tränengas bewenden und organisiert in den Staatsmedien ein Kartell des Schweigens.


Die Protestbewegung muss sich besser strukturieren

Die Massenbewegung hat jedoch Mühe, ihren Elan zu bewahren und eine gemeinsame politische Strategie zu entwickeln. Die Proteste an jedem Freitag wirken zwar längst wie ein vertrautes Feiertagsritual, eine Mischung aus Volksfest und Fußball-Nachmittag, der dem Alltag endlich mal einen Farbtupfer gibt. Jenseits dieser Demonstrationen bröckelt die Protestbewegung aber. Sie ist uneins, ob sie nun eine kollektive Führung braucht, die auf Augenhöhe mit Le Pouvoir, wie das Volk seine Nomenklatura nennt, verhandeln kann, oder nicht.

"Nur Krach schlagen auf der Straße reicht nicht mehr, wir müssen uns jetzt besser strukturieren und politische Antworten geben", meint die Politologin Louisa Ait Hamadouche. Doch sie kennt das Risiko. 150 Meinungsführer wurden bisher verhaftet. Jedem, der als neuer Sprecher auftaucht, droht das gleiche Schicksal. 43 Wochen lang ist das Volk nun schon auf der Straße.

Die abendlichen Diskussionen drehen sich im Kreis, berichten auch Studenten wie Mohamed Aliouane und Samy Boukhalfa. Der eine studiert Maschinenbau, der andere Mathematik. Immer weniger kommen zu den Treffen. "Richtig aktiv sind vielleicht noch ein bis zwei Prozent", sagen sie. Die große Mehrheit der Kommilitonen hält sich abseits. "Das Ganze ist nicht mehr sehr befriedigend." Hinzu kommt die Angst der Eltern um ihre Töchter und Söhne. Sie wissen, wozu das Regime fähig ist, wenn die Situation eskaliert. Sie erinnern sich noch an den Bürgerkrieg der Neunzigerjahre mit seinen 150.000 Toten.

Schriftsteller Boualem Sansal: Die Protestbewegung hat keinen Kopf

So geht es auch Boualem Sansal. Besucher empfängt der 70-jährige Schriftsteller bei sich zu Hause im 45 Kilometer von Algier entfernten Örtchen Boumerdès. Sein Haus ist so schwer zu finden, dass er seine Gäste trotz Google Maps auch schon mal mit seinem kleinen blauen Renault Clio suchen fährt. "Ich bin ein Überlebender", sagt er, ein Mann mit sanfter Ausstrahlung, der sein graues Haar zu einem Zöpfchen bindet. Auf der hohen Gartenmauer rund um sein Grundstück liegen noch die rostigen Stacheldrahtrollen aus der Zeit des Bürgerkriegs.
Drinnen in seinem Arbeitszimmer unter dem Dach stapeln sich in den Regalen die Bücher. Seine Romane wurden in 36 Sprachen übersetzt. 2011 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Sansal gehört zu den wenigen bekannten Autoren seines Landes, die nicht ins Exil geflohen sind. Die Protestbewegung Hirak sieht auch er in einer Sackgasse. Sie beiße sich an Le Pouvoir die Zähne aus, weil die Bewegung keinen Kopf besitze, der für sie spreche. Der von der Opposition ausgerufene Generalstreik sei weitgehend nicht befolgt worden. "Die Algerier sind nicht bereit, bis zum Letzten zu gehen", sagt er. "Sie haben Angst, dass die Armee wieder eingreift, wenn sie die Machtprobe suchen. Wie 1991, als das den Bürgerkrieg auslöste."

Gegen diese Skepsis hat sich Anis Saidoune, einer der führenden Köpfe der Hirak-Studentenbewegung, lange gewehrt. "Der wahre Feind ist die Hoffnungslosigkeit", schrieb der 27-Jährige im April nach Beginn der Massenrevolte in einem Text, den er zu einem Sammelband mit dem Titel Die Revolution des Lächelns beisteuerte. Der diplomierte Apotheker hat Charisma und strotzt vor Energie. Er sieht seine Rolle vor allem als Influencer auf Facebook. Seine Altersgruppe der unter Dreißigjährigen macht heute fast 60 Prozent der Bevölkerung aus. Doch auch ihn beschleichen mittlerweile ähnliche Zweifel wie den wesentlich älteren Sansal. Die kommenden Wochen würden zeigen, meint er, ob der neue Präsident auf die Oppositionsbewegung zugehe oder ob jetzt das große Abräumen beginne. "Dieses Regime wird nicht so leicht verschwinden", bilanziert er nach zehn Monaten Protest und fügt hinzu: "Im Kopf bin ich Pessimist, im Herzen bleibe ich Optimist."