Ausgelassen tanzen die Männer um den Mandolinenspieler herum. "Die sind erledigt, die kommen nicht mehr zurück", singen sie auf dem Bürgersteig der Rue Didouche Mourad in der Innenstadt von Algier. Und: "Die gehören alle ins Gefängnis." Im Hintergrund fährt ein blauer Polizeikonvoi mit Wasserwerfer und Mannschaftswagen vorüber, in Richtung Große Post, dem Wahrzeichen von Algier und dem Zentrum der Massenproteste. 

An vielen Orten in der arabischen Welt protestieren derzeit Menschen gegen ihre korrupten Regimeeliten. Am ausdauerndsten sind die Algerierinnen und Algerier, die seit Ende Februar, seit mittlerweile 43 Wochen, demonstrieren. Sie fordern demokratische Reformen, die das korrupte Machtsystem, das auf der undurchsichtigen Verbändelung von Politik, Militär und Geheimdienst beruht, abschaffen sollen. Dann erst wollen die Menschen einen Nachfolger für den 82-jährigen Abdelaziz Bouteflika bestimmen, den sie im April zum Rücktritt zwangen. Dem Diktat des 79-jährigen Armeechefs Ahmed Gaïd Salah wollen sie sich nicht beugen, der am Donnerstag einen neuen, dem Militär möglichst gefügigen Präsidenten wählen lassen will. Mit dem zeitgleich laufenden Schauprozess gegen einige ehemalige zivile Regimegrößen, darunter zwei Ex-Ministerpräsidenten, versucht der Oberkommandierende Salah, die Menschen zu besänftigen – ohne Erfolg. "Gaïd Salah, vergiss die Wahl" und "auf den Müll mit den Generälen", rufen die Demonstrierenden am Vortag der Wahl.

Einstige Regimekader als Präsidentschaftskandidaten

Der Wahltag am 12. Dezember ist deshalb die bisher brisanteste Kraftprobe zwischen dem Militär und den 24,5 Millionen wahlberechtigten Bürgerinnen und Bürgern. Zweimal, im April und im Juli, musste die Präsidentenwahl bereits abgesagt und verschoben werden. Nun soll die Entscheidung nach dem Willen der Armeespitze bis zum Jahresende fallen. Fünf einstige Regimekader ließen sich als Präsidentschaftskandidaten nominieren. Die meisten ihrer Wahlveranstaltungen mussten von Polizisten geschützt werden.  

Ex-Premier Abdelmadjid Tebboune, der Favorit der Armee, sagte seinen Auftritt in Algier ab, weil kaum Zuhörerinnen und Zuhörer gekommen waren. Ex-Premier Ali Benflis und der frühere Tourismusminister Abdelkader Bengrina wurden mit Buhrufen empfangen und von Gegendemonstranten beschimpft. "Keine Wahlen in diesem Jahr", forderte die Protestbewegung, behängte die offiziellen Plakatwände mit vollen Mülltüten und titulierte die Bewerber als Fossilien und Dinosaurier. "Referendum Anti-12" titelte die Zeitung El Watan in Bezug auf die mittlerweile täglichen Demonstrationen gegen den 12. Dezember, die in allen Regionen des Landes stattfinden. Algerien droht also ein Massenboykott an den Wahlurnen und damit ein neuer Staatschef, der ohne jede politische Glaubwürdigkeit sein Amt antreten müsste – und das in einer Zeit massiver Wirtschaftsprobleme. Auslöser war der rasante Verfall des Ölpreises nach 2014, während die Einkünfte aus den früheren Boomjahren durch Korruption und Vetternwirtschaft spurlos versickert sind. 

Algeriens Öl- und Gasvorräte gehören zu den größten auf dem afrikanischen Kontinent. Ohne diese Einnahmen wäre die Staatskasse nur zu einem Drittel gefüllt. Doch vor fünf Jahren war es mit diesen Einnahmen plötzlich vorbei. Sozialleistungen und Wohnungsprogramme mussten gekürzt und Rücklagen angezapft werden. Einzig Algeriens Generäle blieben von den Kürzungen verschont, was sie heute zum fünftgrößten Waffenkäufer der Welt macht. Lagen Algeriens Devisenreserven Anfang 2014 noch bei 255 Milliarden Dollar, sind heute weniger als 60 Milliarden übrig, ein Polster, das bis Ende 2021 komplett aufgebraucht sein wird. Das Gleiche gilt für die Ölvorkommen. Sie gehen in dreißig Jahren zur Neige, die Gasvorräte in fünfzig Jahren. Die erste Generation, die das Ende der Bodenschätze selbst erleben wird, geht bereits zur Schule.

Gefängnisstrafen im Schnellverfahren

Der staatliche Ölkonzern Sonatrach ist von Korruption und Ineffizienz durchzogen. In der Opec ist Algerien das einzige Land, was seine Förderquoten nicht ausschöpft, weil seine veralteten und schlecht geführten Anlagen nicht mehr genug hergeben. Es fehlt eine Strategie, die Petrodollar effizient zu investieren, die Zeit nach dem Öl zu planen, die Produktivität der Volkswirtschaft neu auszurichten, ausländische Konzerne anzulocken und die Bürokratie zu reduzieren. Zudem sind knapp 40 Prozent der Algerier beim Staat beschäftigt. Allein die nationale Fluggesellschaft Air Algérie hat 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, obwohl sie nach internationalen Standards nur 3.500 benötigt. Umgekehrt beträgt der An­teil der privaten In­dus­trie am Brut­to­in­lands­pro­dukt we­ni­ger als fünf Pro­zent. Die Liste der angekündigten, aber nie realisierten ausländischen Investitionsprojekte ist endlos. Und so muss nahezu alles für kostbare Devisen eingeführt werden, selbst einfachste Lebensmittel wie Tomaten.

Entsprechend nervös reagierten die derzeitigen Machthaber auf den Aufruhr ihres Volkes. Hunderte Aktivisten und Journalisten wurden nach Angaben von Human Rights Watch in den vergangenen Wochen festgenommen, viele in Schnellverfahren zu Gefängnisstrafen verurteilt. Innenminister Salah Eddine Dahmoune beschimpfte die Demonstranten als "Pseudo-Algerier, Verräter, Söldner, Perverse und Schwule". Armeechef Gaïd Salah bediente sich der üblichen arabischen Verschwörungstheorien und appellierte an die Bevölkerung, mit einer hohen Wahlbeteiligung "den Feinden Algeriens einen schmerzhaften Schlag ins Gesicht zu versetzen". Die Demonstrantinnen und Demonstranten dagegen zeigen sich unbeirrt. "Ich gehe nicht wählen, keiner der Kandidaten überzeugt mich", sagt die 19-jährige Aischa, die Tourismus studiert und in den letzten Tagen nur noch in eine algerische Flagge gehüllt auf die Straße geht. "Die kommen alle aus der alten Clique. Das ist kein Neuanfang. Das ist nur die Verlängerung der Bouteflika-Ära ohne Bouteflika."