Nancy Pelosi, demokratische Abgeordnete aus Kalifornien, ist eine mächtige Person. Als Sprecherin des Repräsentantenhauses ist sie die Nummer drei an der Staatsspitze. Würden sowohl der Präsident als auch der Vizepräsident der Vereinigten Staaten ihrer Ämter enthoben, nähme sie im Weißen Haus den Platz des amerikanischen Staatsoberhaupts ein.

Pelosi hat soeben den Justizausschuss des Repräsentantenhauses beauftragt, die Anklageschrift im Amtsenthebungsverfahren gegen Donald Trump zusammenzustellen. Aller Voraussicht nach wird das Repräsentantenhaus, in dem die Abgeordneten der Demokratischen Partei die Mehrheit stellen, Trump politische Erpressung, Amtsmissbrauch zu seinem persönlichen Vorteil sowie die Verletzung nationaler Sicherheitsinteressen vorwerfen. Womöglich auch Behinderung der Justiz.

Der republikanische Präsident Donald Trump soll die Ukraine gedrängt haben, gegen seinen innenpolitischen Rivalen Joe Biden und dessen Sohn Hunter wegen angeblicher Korruption zu ermitteln. Andernfalls werde er die vom Kongress bereits freigegebene Militärhilfe in Höhe von knapp 400 Millionen Dollar zurückhalten und den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj auch nicht zu einem Staatsbesuch im Weißen Haus empfangen.

Außerdem soll Trump von Kiew die Herausgabe eines mysteriösen Servers verlangt haben. Denn der, so die völlig aus der Luft gegriffene Behauptung, würde beweisen, dass sich damals im amerikanischen Wahlkampf 2016 nicht Russland zugunsten von Trump eingemischt habe, sondern die Ukraine zugunsten von Trumps Konkurrentin, der Demokratin Hillary Clinton.

Nancy Pelosi aber hat nun nach einer umfangreichen Beweisaufnahme gesagt: "Die Fakten sind klar. Die Verfassung ist klar. Der Präsident hat gegen die Verfassung verstoßen." Ihr bleibe darum nichts anderes übrig, als Trumps Amtsenthebung anzustrengen.

Der politische Gegner ist immer der Untergang Amerikas

Das Problem ist nur, dass wir heute in einer Welt der "alternativen Fakten" und Fake-News leben. Und dass die Frage, ob Trump als Präsident abgesetzt werden sollte, von Demokraten und Republikanern jeweils in einem völlig anderen Licht gesehen wird.

Nicht nur für Donald Trump, sondern auch für die meisten republikanischen Amtsträger sowie die überwältigende Mehrheit des republikanischen Parteivolks ist das Amtsenthebungsverfahren eine Hexenjagd auf den Präsidenten. In ihren Augen haben die Demokraten bis heute nicht verwunden, dass sie die Präsidentschaftswahl 2016 gegen Trump verloren haben. Und weil sie ihn nicht in Wahlen besiegen könnten, versuchten sie ihn nun mit einem sogenannten Impeachment loszuwerden. Für neun von zehn Republikanern hat sich Donald Trump nichts zuschulden kommen lassen und ist ein Opfer blinder Verfolgungswut.

Wie kommt das? Politischer Streit wurde in den Vereinigten Staaten schon immer bis aufs Messer ausgefochten. Seit jeher sieht man im Gegner einen Feind, dessen Sieg um jeden Preis verhindert werden muss. Intrigen, Verleumdungen, Verrat, Korruption gehören zum Wahlkampf – wie auch das Versprechen, nach der Schlacht die politischen Gräben wieder zuzuschütten. Oft klappte das auch irgendwie.

Doch Amerikas politische Spaltung ist immer tiefer und unter Trump inzwischen unerträglich geworden. Der Gegner wird mit maßlosem Hass und Lügen überzogen. Das liegt natürlich an Trump, für den Anstand und Wahrheit keine Bedeutung haben.

Doch Grund für diesen nahezu unüberwindlichen Graben ist auch, dass Republikaner und Demokraten nicht nur in unterschiedlichen Welten, sondern auf völlig verschiedenen Planeten leben. Und das nicht erst seit Trump.