Jubel im Johnson-Lager: Großbritanniens Premierminister Boris Johnson liegt bei der britischen Parlamentswahl laut ersten Prognosen klar vorn. In den Nachwahlbefragungen kommen die Konservativen auf 368 Sitze im britischen Unterhaus, die oppositionelle Labourpartei auf 191. Die Liberaldemokraten erreichen 13 Sitze. Damit hätte Johnson die absolute Mehrheit der 650 Sitze im Parlament gewonnen.

Kurz vor Schließung der Wahllokale um 23 Uhr wurde ein erneutes Patt bei der Abstimmung nicht ausgeschlossen, also dass keine der beiden großen Parteien eine eigene Mehrheit für eine Regierungsbildung erreichen würde. Danach sieht es jetzt aber nicht mehr aus. Für Labour könnte das Ergebnis sogar die schlimmste Niederlage bei einer Parlamentswahl seit den Dreißigerjahren sein.

Die Schottische Nationalpartei (SNP) kommt der Prognose zufolge auf 55 der 59 Sitze in Schottland, die proeuropäischen Liberaldemokraten bekommen demnach 13. Die Prognose basiert auf Nachwahlbefragungen von Wählern an 144 Wahllokalen. Ein belastbares Ergebnis wird erst am frühen Freitagmorgen erwartet.

Für Johnson bedeutet ein Sieg freie Bahn beim Brexit

Bleibt es nach der Auszählung der Stimmen bei dem Vorsprung für die Tories, hätte der Regierungschef, der seit Anfang September keine Mehrheit mehr im Unterhaus hatte, freie Bahn für seinen Brexit-Deal und könnte Großbritannien wie geplant zum 31. Januar 2020 aus der Europäischen Union führen.

Johnson bedankte sich bei allen Wählern, freiwilligen Helfern und Kandidaten seiner Partei. "Wir leben in der großartigsten Demokratie der Welt", schrieb er am späten Abend auf Twitter.

Rücktrittsforderungen an Labourparteispitze

Dagegen herrschte bei der Labourpartei Katerstimmung. Nach der sich abzeichnenden verheerenden Niederlage gab es erste Rücktrittsforderungen. "Labours Führungsspitze sollte die Verantwortung übernehmen", twitterte Labourkandidat Phil Wilson in der Nacht zum Freitag. Labourchef Jeremy Corbyn und Finanzexperte John McDonnell müssten gehen, forderte der BBC zufolge Gareth Snell, der für die Sozialdemokraten im mittelenglischen Stoke-on-Trent antrat.

McDonnell schloss personelle Konsequenzen nicht aus. "Wenn die Ergebnisse vorliegen, werden wir angemessene Entscheidungen treffen", sagte er auf die Frage im BBC-Interview, ob Corbyn und er selbst ihren Hut nehmen müssten. Die Entscheidungen müssten wie immer im besten Sinne der Partei getroffen werden. Zur Prognose sagte McDonnell: "Wenn das Ergebnis auch nur annähernd so ist, wie die Prognose aussagt, ist das extrem enttäuschend."

Die Wahl sei stark vom Brexit beeinflusst worden. Die Labourpartei sei nicht ausreichend mit ihrem Anliegen durchgedrungen, Themen wie etwa die Gesundheitspolitik im Wahlkampf zu setzen. "Die Menschen wollten offenbar den Brexit erledigt bekommen", sagte McDonnell. Dies sei aber längst nicht gewährleistet.

Katarina Barley: Brexit-Streit ist nicht zu Ende

Die Vizepräsidentin des Europaparlaments Katarina Barley bezeichnete das Ergebnis derweil als "noch schlimmer als befürchtet". Jetzt drohe "doch noch ein Crash-out-Brexit", schrieb die SPD-Europaabgeordnete auf Twitter. Denn mit den Verhandlungen über die künftigen Beziehungen nach dem Austritt Ende Januar komme "der schwierige Teil" erst noch. Dass Johnson dies bis Ende 2020 erledigen wolle, sei "ziemlich illusorisch".

Dem Austrittsabkommen zufolge soll das Land bis Ende 2020 in einer Übergangsphase bleiben. Bis dahin will Johnson einen Vertrag über die künftigen Beziehungen mit der Staatengemeinschaft aushandeln. Die Zeit dafür gilt jedoch als denkbar knapp. Eine Verlängerungsoption um bis zu zwei Jahre, die noch bis Juli 2020 möglich ist, hat der Premier ausgeschlossen. Sollte kein Anschlussabkommen zustande kommen, droht Ende kommenden Jahres wieder ein No-Deal-Szenario.