Es spricht nicht viel für Boris Johnson, den großen Triumphator. Der alte, neue und nun auch gewählte Premierminister hat den Wahnsinn der letzten Jahre mit angerichtet. Aber er ist der Einzige, der diesen Wahnsinn wieder beenden kann. Die britischen Konservativen sind die einzige Partei, die den Britinnen und Briten bei dieser Wahl eine klare Perspektive anbieten konnten. Johnsons Sieg ist deshalb eine Chance. Und dass der Sieg so eindeutig ausgefallen ist, sollte allen zu denken geben, die bis zuletzt darauf gehofft hatten, der Brexit könne doch noch abgesagt werden.

Nicht nur in London, wo noch im Oktober Hunderttausende für ein zweites Referendum demonstriert hatten, auch in Deutschland war diese Hoffnung weit verbreitet: dass sich der Brexit als Spuk erweisen würde. Jede Abstimmungsniederlage der Regierung im Unterhaus, jeder Fehltritt von Johnson – und davon gab es einige – galt den EU-Freunden als Bestätigung: Die Briten hatten sich halt getäuscht. So wie anfangs auch jeder Fehltritt von Donald Trump die eigene liberale Weltsicht zu bestätigen schien. Was alle, die hofften, übersahen, war, dass die meisten Briten, die für den Austritt aus der Union gestimmt hatten, es ernst mit ihrer Stimme meinten. So wie die meisten Amerikanerinnen und Amerikaner, die für Trump gestimmt hatten, es ernst gemeint haben. Die Hoffnung auf einen Exit vom Brexit hat sich nun als das erwiesen, was sie immer war: eine Selbsttäuschung.

Vielleicht wird sich der Brexit im Rückblick einmal als Fehler erweisen, als Unglück für Großbritannien und für die EU. Den EU-Austritt abzusagen, nach allem, was passiert ist, wäre allerdings ein noch größerer Fehler gewesen. Johnson hat das in all seiner Ruchlosigkeit erkannt und diese Wahl mit einem einzigen Satz gewonnen: Get Brexit done. Dafür ist er zu Recht belohnt worden.

Johnson muss aufhören zu lügen

Die Motive für den Brexit reichen vor die Zeit des Referendums zurück, nicht alle haben ursächlich mit der Europäischen Union zu tun. Mit leave zu stimmen, war für viele Menschen in Großbritannien, die sich nicht gehört und häufig abgehängt fühlen, ein Akt der Rebellion, eine Gelegenheit, ihrer Wut und Enttäuschung endlich einmal Ausdruck zu verleihen. Ihnen zu sagen, dass sie sich leider getäuscht haben und bitte noch einmal abstimmen mögen, war keine gute Idee. Jeder Versuch, die Entscheidung von 2016 zu ignorieren, wie es vor allem die Liberaldemokraten wollten, wäre ein sicherer Weg gewesen, Wut und Enttäuschung weiter anzufachen.

Großbritannien ist ein gespaltenes Land, auch diese Entwicklung reicht vor das Referendum zurück. Allerdings haben der endlose Streit der vergangenen Jahre und das Unvermögen von Regierung und Opposition die vorhandenen Gräben vertieft. Um überhaupt eine Chance zu haben, das Land zu beruhigen, gar zu versöhnen, ist es notwendig, das umzusetzen, was die Wählerinnen und Wähler 2016 entschieden haben – und aus der EU auszutreten.

Versöhnung ist ein großes Wort. Und natürlich liegt eine schwer erträgliche Ironie darin, dass ausgerechnet Boris Johnson nun mit dieser Aufgabe betraut ist. Johnson hat mit manchen Lügen, mit Angriffen auf das Parlament und vielen abschätzigen Äußerungen seinen Teil dazu beigetragen, dass das Land auseinandergedriftet ist, dass viele Menschen das Vertrauen in Parlament und Regierung verloren haben. 46 Prozent, fast die Hälfte der Britinnen und Briten, halten Johnson laut einer aktuellen Umfrage für inkompetent; mehr als die Hälfte von ihnen sagt, dass sie ihm nicht vertrauen. Trotzdem haben sie ihn gewählt. Ein Paradox? Gewiss. Aber gerade weil Johnson bislang so sehr polarisiert, hat er nun eine große Chance – wenn er mit gutem Beispiel vorangehen würde. Wenn er seine Auftritte mäßigt; wenn er sich von den Hardlinern in den eigenen Reihen emanzipiert; wenn er aufhört zu lügen.

Jeremy Corbyn hingegen, der große Verlierer, wird als eine der traurigsten Figuren in die jüngere Geschichte Großbritanniens eingehen. Selten wäre eine schlagkräftige Opposition so wichtig gewesen wie in den vergangenen Monaten, selten war eine Opposition so schwach. Aber die britischen Sozialdemokraten täten gut daran, nicht alle Schuld für ihr Debakel bei Corbyn abzuladen. Vor zwei Jahren, bei der letzten Parlamentswahl, hatte Labour mit mehr als 40 Prozent ein sehr gutes Ergebnis erzielt – mit demselben Vorsitzenden und einem ähnlich linken Programm. Der große Unterschied zu heute: 2017 hatte auch Labour versprochen, das Ergebnis des Brexit-Referendums zu akzeptieren.