Donald Trump hat den Wanderpreis für "Bestes Nato-Bashing" vorläufig abgeben müssen. Der neue Abbruchunternehmer heißt Emmanuel Macron, der dem Bündnis just zum 70. Geburtstag den "Hirntod" bescheinigt hatte und die Europäer bedrängt, sich doch endlich ohne Amerika zu verteidigen. Der Mann ist so flexibel wie Trump. Zu Beginn seiner Amtszeit hatte er mit Donald gefüßelt; jetzt umgarnt er Wladimir Putin. In Wahrheit sei doch der Westen an der neuen Vereisung schuld, obwohl Putin sich die Krim und den Südosten der Ukraine gegriffen hatte. Moskau, so Macron, hätte einen rechtmäßigen Platz in der europäischen Sicherheitsarchitektur; es brauche "Garantien".

Was treibt Macron? Wieso stellt er sich gegen den Rest des Bündnisses, zumal gegen die gefährdeten Mitglieder an der Nato-Ostgrenze sowie gegen Berlin? Sie alle wollen nicht wie der kleine Kevin "allein zu Haus" bleiben – ohne den großmächtigen amerikanischen Beschützer. Macrons Motive könnten durchsichtiger nicht sein. 

Auf dem Papier ein politisches Schwergewicht

Erstens: Kraft ihres Gewichts die eigentliche Nummer eins in Europa, hat sich die Bundesrepublik während Merkels Kanzlerdämmerung aus der großen Politik verabschiedet und so ein unwiderstehliches Vakuum hinterlassen. Also rein mit Frankreich. Zweitens: Macron ist daheim in höchster Not, wie die Gelbwesten und die geballten Aufmärsche der Gewerkschaften gegen seine Sozialpolitik zeigen. Zwei Drittel der Befragten geben ihm schlechte Noten; da steht sogar Trump trotz Impeachment mit 48 Prozent Ablehnung besser da.

Also rauf auf die große Bühne der Außenpolitik, um die übel gelaunte Nation mit grandiosen Projekten abzulenken. Niemand hat diese uralte Taktik besser formuliert als Shakespeares Heinrich IV.: "Beschäft’ge stets die schwindlichten Gemüter mit fremden Zwist", damit sie ihr Unglück im berauschenden Trank nationaler Größe vergessen. Siehe auch Wilhelm II., der bekanntlich proklamierte: "Ich kenne keine Parteien mehr. Ich kenne nur noch Deutsche!"

Bloß funktioniert das in demokratischen Zeiten nicht mehr. Ganz gleich wie behände Macron auf der weltpolitischen Bühne umherspringt, kann er seine Feinde daheim nicht bändigen. Die Gelbwesten marschieren seit einem Jahr, nun nehmen sich die weitaus besser organisierten Gewerkschaften die einstige Lichtgestalt vor, um seine Rentenreform zu kippen. Heute kann Macron nur die Schlagzeilen beherrschen, nicht aber seine Feinde im eigenen Haus ruhigstellen.

Überdies kann Macron mit seinen diplomatischen Kapriolen auch nicht außenpolitisch punkten. Er weiß sehr wohl, dass Europas Selbstverteidigung zwar eine wunderbare Vision hergibt, aber an den Realitäten scheitert. Warum bloß, wenn die EU doch fast alles hat, was den Traum verwirklichen könnte? Auf dem Papier ist die EU ein Schwergewicht der Weltpolitik. Es hat die zweitgrößte Wirtschaft der Welt, so viele Soldaten wie die USA und eine Bevölkerungszahl, die weit über die russische und amerikanische hinausragt.

Leider fehlen Europa zwei unverzichtbare Elemente: ein Staat und eine Atommacht. Trotz ihrer atemberaubenden Integrationsleistung seit 1950 bleibt die EU ein Gebilde von Einzelstaaten mit hartnäckig verteidigten Souveränitätsvorbehalten. Einer Staatenmehrheit die existenzielle Entscheidung über Krieg und Frieden zu überlassen, steht nicht im Programm. Um eine strategische Rolle auszufüllen, die ihrem Gewicht entspräche, braucht die EU die VSE, die Vereinigten Staaten von Europa, die so bald nicht entstehen werden – nicht nach 2.000 Jahren separater Existenz und historischer Entwicklung.