Als Ursula von der Leyen vor wenigen Tagen ihren Green Deal vorstellte, da verglich sie ihn mit der Mondlandung. Bei ihrem allerersten EU-Gipfel als Kommissionspräsidentin erlebte sie nun, wie viele Mitgliedsstaaten ihrer Vision folgen wollen. Es sind 26. Sie haben sich verpflichtet, bis ins Jahr 2050 klimaneutral zu sein. Nur ein Land soll das Ziel später erreichen: Polen. Es ist allzu abhängig von der Kohle, als dass es sich jetzt schon verpflichten wollte. Das ist bedauerlich, aber es ist verständlich und es war zu erwarten.

Gewiss, nun wird man sehen müssen, wie der Green Deal umgesetzt wird und ob er schnell genug greifen wird, um die Klimaneutralität der EU zu erreichen. Da kann noch vieles schiefgehen. Doch erst einmal ist es von der Leyen gelungen, die Mitgliedsstaaten hinter sich zu scharen. Das ist ein Erfolg. Das Risiko, dass sich die EU beim Green Deal entlang einer Ost-West-Linie spalten würde, war erheblich.

Widerstand kam nicht nur aus Polen, sondern auch aus Ungarn, Tschechien und Estland. Es ist auch das Verdienst von von der Leyen, dass es nicht zu dieser Spaltung gekommen ist. Sie ist seit ihrer Ernennung zur Kommissionspräsidentin im Juli dieses Jahres auf die osteuropäischen Länder zugegangen. Sie wolle versöhnen, das hatte sie immer wieder gesagt.  

Dem Klimawandel den apokalyptischen Stachel gezogen

Dafür ist sie hart kritisiert worden. Ihr wurde unterstellt, sie gehe auf Polen und Ungarn nur deshalb zu, weil sie ihre Stimmen brauchte, um gewählt zu werden. Ihre Karriere, so die Kritik, sei von der Leyen wichtiger gewesen als die erheblichen Rechtsstaatsprobleme dieser Länder. Das war nicht nur eine schwer zu begründende Unterstellung, es war auch etwas kurzsichtig, um nicht zu sagen: unpolitisch.

Denn die Versöhnung, von der von der Leyen seit ihrer Ernennung spricht, ist ein politisches Projekt. Es ist die Voraussetzung dafür, dass die EU genügend Kraft gewinnen kann, um die immensen Herausforderungen der Zukunft zu bewältigen. Ist die EU gespalten, dann kommt sie nirgendwo hin. Von der Leyen hat diese Erkenntnis früh beherzigt.

Es war dann nicht mehr schwierig, das Dach zu zimmern, unter dem sich (fast) alle Mitgliedsstaaten halbwegs einträchtig einfinden können. Der Klimawandel war auch dank der Fridays-for-Future-Bewegung in das Zentrum der Politik gerückt. Von der Leyen musste das Thema nur aufgreifen, mit Verve vorantreiben und es mit einer Vision ausstatten. Den Bürgern der EU rief sie emphatisch zu: "Wir haben euch verstanden!"

Der Green Deal als Mondlandung der EU, das mag man überzogen finden. Doch mit dieser Geschichte hat von der Leyen dem Klimawandel den apokalyptischen Stachel gezogen. Der Klimawandel ist und bleibt eine Bedrohung für die Menschheit, aber er birgt auch Chancen. Alles wird sich ändern, aber vieles wird besser werden. Das ist die Botschaft. 26 EU Staaten konnten ihr jetzt zustimmen. Eine Mondlandung ist das noch lange nicht – aber es ist das Bekenntnis einer ziemlich heterogenen Staatengruppe, gemeinsam eine weite Reise zu unternehmen.

Klimawandel - Es ist schlimmer als bisher befürchtet Unser Planet heizt sich auf. Gletscher, Schnee und Dauerfrostböden tauen. Unser Video zeigt, wo Sie dem Klimawandel zuschauen können. © Foto: Zeit Online