Syrien, Libyen, Ukraine – wo immer gewaltsame Konflikte ausbrechen, kommt aus Europa ein Standardsatz: Es gibt keine militärische Lösung. So gut das klingt, so falsch ist der Satz. Denn natürlich gibt es militärische Lösungen von Konflikten. Das liegt offen zutage. Der Krieg in Syrien etwa ist zugunsten des Diktators Baschar al-Assad entschieden worden. Auch der Krieg in Libyen könnte in diesen Tagen vor einer militärischen Entscheidung stehen. Der Kriegsherr Chalifa Haftar steht offenbar davor, Tripolis, die Hauptstadt des Landes, einzunehmen.

Allerdings fällt keine dieser Lösungen zugunsten Europas aus. Wahrscheinlich sind sie auch nicht von Dauer. In Syrien aber haben die Europäer heute so gut wie keinen Einfluss, in Libyen schwindet er in dem Maße, in dem Haftar seinem Ziel nahekommt. Obwohl beide Länder in unmittelbarer Nachbarschaft liegen, und was dort geschieht Europa sehr direkt betrifft, müssen die Europäer zusehen, wie andere Akteure diese Nachbarschaft in ihrem Sinne gestalten – Russland, die Türkei und der Iran zum Beispiel. Der selbst ernannte global player EU steht seinen Konkurrenten ziemlich hilflos gegenüber.

Die EU will nicht sein wie die anderen großen Mächte. Dafür hat sie gute Gründe. Ihre eigene von Kriegen gezeichnete Geschichte hat sie in ihrem Verständnis nach zu dem gemacht, was sie ist: eine alles in allem freundliche Macht, die anderen zwar drohen kann, mit Gesetzen, Zöllen und Vorschriften, aber niemals mit Soldaten, Panzern und Flugzeugen. Zum Glück ist das so. Aber kann es so bleiben?

Europa muss, in den Worten Angela Merkels, "sein Schicksal ein Stück weit selbst in die Hand" nehmen. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hat diesen Satz in den vergangenen Monaten mit Inhalt gefüllt. Die EU müsse über militärische Mittel verfügen, um ihre Interessen durchsetzen können. Das sei eine Frage der Souveränität und am Ende auch eine Frage der Freiheit. Tatsächlich ist in der vergangenen Zeit auf europäischer Ebene einiges geschehen. Die Zusammenarbeit zwischen den europäischen Armeen ist verbessert worden, die EU-Kommission hat einen Fond eingerichtet, der den Aufbau einer europäischen Rüstungsindustrie begünstigen soll. Es herrscht alles in allem ein Konsens darüber, dass Europa verteidigungsfähiger werden muss.

Flucht vor der Realität

Wie aber passt das zum vielfach wiederholten Satz "Es gibt keine militärische Lösung"? Nun, es passt gar nicht. Wir rüsten zwar auf, aber wir glauben nicht, dass Armeen einen Konflikt lösen können. Das ist ein offensichtlicher Widerspruch. Das ist Realitätsflucht.

Europäer, und darunter besonders die Deutschen, stellen sich eine Welt ohne Krieg vor. Das ist ehrenwert. Aber sie wollen von diesem pazifistischen Traum selbst dann nicht lassen, wenn der Krieg ihre Nachbarschaft umpflügt, wie das im Augenblick geschieht. Die Europäer stellen sich blind, weil sie weiter in Frieden leben, wie sie es in den letzten Jahrzehnten tun konnten.

Diese Blindheit kann schuldhaft sein. Es sei hier an die jugoslawischen Kriege der Neunzigerjahre des 20. Jahrhunderts erinnert. Europa schaute fast vier Jahre lang tatenlos zu, wie die europäische Stadt Sarajevo belagert, beschossen und bombardiert wurde. Europa schaute jahrelang zu, wie unter seinen Augen, auf europäischem Boden, sogenannte ethnische Säuberungen stattfanden. Auch damals hieß es aus den europäischen Hauptstädten: Es gibt keine militärische Lösung – während auf dem Balkan weiter vertrieben, gemordet und vergewaltigt wurde. Dabei gab es diese Lösung sehr wohl: Die Nato intervenierte schließlich und beendete den Krieg. Möglich war das nur, weil der damalige US-Präsident Bill Clinton und seine Außenministerin Madeleine Albright die Führung übernahmen und dem massenhaften Verbrechen nicht mehr tatenlos zusehen wollten. Wäre es nach den Europäern gegangen: Das Morden auf dem Balkan hätte wohl nicht aufgehört.

Das ist hier kein Plädoyer für einen kriegerisches Europa, es ist auch kein grundsätzliches Plädoyer für Interventionen in anderen Ländern. Es geht um einen Sinn für die Wirklichkeit. Diese mahnt die Europäer zu militärischer Entschlossenheit, gleichzeitig aber zur Vorsicht. Es ist ja nicht so, dass Europa sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht an Kriegen beteiligt hätte. Aber jeder Krieg ist anders und bringt andere Ergebnisse hervor. Die Intervention im Balkan war richtig und sie hat zu einem vertretbaren Resultat geführt. Die Kriege in Afghanistan, im Irak und Libyen hingegen haben mitunter katastrophale Folgen für die betreffenden Länder, aber auch für Europa hervorgebracht.

Doch auch diese Erfahrungen dürfen nicht dazu führen, dass die Europäer an ihrem Mantra festhalten: Es gibt keine militärischen Lösungen. Sie müssen aus diesem mentalen Gefängnis ausbrechen, nicht um Kriege zu entfesseln, sondern um kriegerische Gewalt im eigenen Interesse einhegen zu können.