Frankreichs Einzelhändler und Mittelständler haben Angst. "Zögern Sie nicht, die Straße zu überqueren ... Wir sind da", appellieren sie in großformatigen Zeitungsanzeigen an ihre Kunden. Sie fürchten um ihr Geschäft, denn seit gut einem Jahr ziehen fast jede Woche mehr oder weniger zahlreich und mehr oder weniger aufgebracht Demonstranten an ihren Läden vorbei. Gelbwesten, Rechtsanwälte, Polizisten, Feuerwehrleute, Krankenschwestern, Pfleger und andere mehr. Alle, die an der Politik von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und seiner Regierung etwas auszusetzen haben. Wenn an diesem Donnerstag nun der Generalstreik gegen die geplante Rentenreform beginnt, droht eine Blockade des Landes, die die Geschäftsleute erneut mit Umsatzeinbußen bezahlen werden.

Die Alarmstimmung ist nicht unbegründet und betrifft nicht nur solche Geschäftsleute, die ohnehin knapp kalkulieren müssen. Seit Tagen folgt eine Krisensitzung der nächsten im Pariser Präsidentenpalast Elysée und in Matignon, dem Sitz des Premierministers. Auch am Sonntag rief Édouard Philippe sein Kabinett zusammen, um noch einmal die Linien abzustecken und Chaos nach Möglichkeit zu verhindern.

"Ich denke, dass die Gewerkschaften viele Menschen mobilisieren können und bei der RATP und SNCF das Risiko einer Blockade besteht", räumte Innenminister Christophe Castaner ein. Die Beschäftigten des Pariser Nahverkehrsverbunds RATP und der Staatsbahn SNCF haben zusammen mit den Mitarbeitern von Air France, der Flugsicherung, den Energiekonzernen und der Raffinerien unbefristete Streiks angekündigt, wenn die Regierung die Rentenreform nicht zurücknimmt. Ihnen anschließen wollen sich Lastwagenfahrer, Lehrer, Studierende, Polizisten, Anwälte, Richter und Mitarbeiter der Müllabfuhr.

"Diese Reform ist gerecht"

Dagegen erscheinen die Proteste der Gelbwesten gegen soziale Ungleichheit selbst zu ihren Hochzeiten vor einem Jahr als Aufwärmtraining. Macron hat gegen sie angeredet in zahlreichen Versammlungen und den (vorübergehenden) Frieden mit den Bedürftigen schließlich mit 17 Milliarden Euro aus der Staatskasse erwirkt. Dieser Tage werden in Frankreich gern Erinnerungen an den Winter 1995 zum Besten gegeben. Damals musste der konservative Premierminister Alain Juppé – später Mentor des heutigen Amtsinhabers Philippe – nach wochenlangen Streiks gegen eine Rentenreform das Projekt aufgeben.

Keiner solle diesmal ein ähnliches Szenario erwarten, gab Innenminister Castaner stellvertretend vor der Presse den Unerschrockenen. "Das wird nicht der Fall sein, denn diese Reform ist gerecht." Und Budgetminister Gérald Darmanin versuchte sich in der Sonntagszeitung Journal du Dimanche als Spalter der geschlossenen Protestreihen. Es sei "schwer zu verstehen, warum der Staat jedes Jahr acht Milliarden Euro – Steuergelder! – ausgibt", um Rentenprivilegien einzelner Berufsstände zu finanzieren. Allein für die Bahnbediensteten, die je nach Aufgabe im Alter von 52 bis 57 Jahren in den Ruhestand treten dürfen, fielen drei Milliarden Euro jährlich an. "Wenn wir diese acht Milliarden Euro sparen, können wir Maßnahmen für soziale Gerechtigkeit finanzieren, die unsere Reform vorsieht", lockte der Minister.

Das Problem ist, dass zwar eine Mehrheit der Franzosen Umfragen zufolge grundsätzlich für ein Ende der Vorzugsbehandlung anderer sind, gleichzeitig aber fast zwei Drittel kein Vertrauen in die Reformideen von Präsident Macron haben. Der Plan ist, das aktuelle Wirrwarr von 42 unterschiedlichen Rentenkassen durch ein einheitliches Punktesystem zu ersetzen. Jeder eingezahlte Euro soll dann künftig dieselben Ansprüche absichern. Doch für zahlreiche Berechtigte würde dies geringere Ruhegelder bedeuten als heute. Nicht nur Beamte, deren Pensionen bisher auf Grundlage der Einkünfte der letzten sechs Monate berechnet werden, müssten kürzertreten.

Auch Führungskräften in der Privatwirtschaft beispielsweise gefällt die Idee nicht, dass ihre gesamte Berufslaufbahn in die Berechnung eingehen soll und nicht mehr, wie bisher, die 25 letzten Jahre. Gutverdiener mit mehr als 120.000 Euro Jahreseinkommen hätten dann das doppelte Nachsehen: Für jeden Euro Gehalt, der die Summe übersteigt, würde zwar weiterhin ein Solidaritätsbeitrag von 2,81 Prozent fällig. Rentenansprüche gingen damit aber nicht einher. Bleibt es dabei, dass die Zahl der Beitragsjahre für einen vollen Rentenanspruch erhöht wird, müssten Führungskräfte vermutlich Abschläge in Kauf nehmen. Schließlich treten sie auf Grund von Hochschulstudien später ins Berufsleben ein als zum Beispiel Handwerker.