"Meine frühe Rente ist kein Geschenk"

Stéphane Mollet, 42 Jahre, Zugführer

Stéphane Mollet © privat

Ich war lange Zeit für diese Rentenreform – damit alles einheitlicher und gerechter wird. Meine Gewerkschaft, die CFDT, stand zunächst an Emmanuel Macrons Seite. Wir sind die Reformisten unter den Bahnern. Der Präsident hat sich mit unserem Zuspruch geschmückt. Aber er hat uns am Ende veräppelt: Erst haben wir achtzehn Monate lang minutiös alles verhandelt, das ist doppelt so lang, wie eine Schwangerschaft dauert. Und am Ende kündigt Macron plötzlich über Nacht an – ohne es jemals besprochen zu haben –, dass er das Renteneintrittsalter von 62 auf 64 Jahren anheben will. Damit hat er eine rote Linie überschritten. Die Alten sind doch schon jetzt arbeitslos oder müde, für wen und wie sollen sie noch länger arbeiten?

Viele denken, dass wir Zugführer privilegiert sind. Das stimmt auch für die älteren Bahner: Ich zum Beispiel habe vor 20 Jahren angefangen zu arbeiten, ich könnte für eine ausreichende Rente mit 57 Jahren in die Rente gehen. Allerdings ist dieses Privileg teuer erkauft: Wir zahlen mehr, um früher pensioniert zu werden, unser Beitragssatz ist 30 Prozent höher als für alle anderen. Wir sparen uns also die lange Rente über Jahrzehnte an. Sie ist kein Geschenk. Und das Leben als Zugführer ist hart. Ich fahre die Strecke zwischen Italien und Marseille. Jede dritte Nacht müssen ich und meine Kollegen in einem Bahnhofshotel übernachten, um morgens den allerersten Zug zu fahren. Das sprengt jede Familie. Hinzu kommt die Arbeit in der Nacht, am Wochenende, an Weihnachten, in den Sommerferien. Am schlimmsten dran sind die Kollegen, die die Gleise instand halten. Sie arbeiten ständig nachts, bei jedem Wetter und in giftiger Luft. Unser einziger Ausgleich ist die frühe Rente. Anders als die Kollegen in der Privatwirtschaft kriegen wir nämlich für die Nachtarbeit nur einen lächerlichen Aufschlag von rund zehn Euro pro Schicht.

Bislang hat die Regierung nicht einmal gesagt, ob sie unsere besonderen Belastungen berücksichtigen will. Kein Wort dazu. Wie sollen wir so einem Ritt ins Unbekannte zustimmen? Unmöglich. Wir haben ohnehin schon viele Vorteile verloren. Diejenigen, die nach 2018 angefangen haben zu arbeiten, besitzen keinen speziellen Status mehr, die gehen mit 62 Jahren wie alle anderen auch in die Rente. Auch dass es als Mindestrente nur rund 85 Prozent vom Mindestlohn geben soll, tragen wir nicht mit. Das ist unmenschlich. Deswegen werden wir nach den Ferien am 9. Januar weiterstreiken. Ende Januar soll das Gesetz im Ministerrat besprochen werden. Bis dahin muss Macron uns erzählen, wie wir im Alter leben sollen.

"Ich sehe, wie kaputt die Körper der Arbeiter sind"

Elodie Caillon-Royer, 44 Jahre, Krankenschwester in der Notaufnahme

Elodie Caillon-Royer © privat

Ich streike für unsere Renten – aber auch für die vielen Patienten, die wir nur noch schlecht behandeln können. Beides hängt zusammen. Seit Monaten protestieren wir gegen die massive Unterbesetzung in den Notaufnahmen und kriegen nur Brotkrumen, etwa einen kleinen Lohnaufschlag. In so einer Situation wollen sie jetzt auch noch unsere Renten kürzen, obwohl das System noch nicht einmal Defizite macht. Die Regierung hat keine Ahnung vom wahren Leben und Leiden. Und die Punkterente von Macron ist für mich nur ein weiteres Symptom dafür, wie krank das ganze System ist. Man nimmt Geld dort weg, wo es die Menschen am nötigsten hätten. Wir Geringverdiener würden noch mehr verlieren. Ich sehe täglich, wie kaputt die Körper der Arbeiter sind, sie sterben ja etliche Jahre früher als die Reichen, die können nicht länger schuften.

Ich als Krankenschwester arbeite immer dort, wo es brennt, zum Beispiel im Krankenwagen oder am Empfang in der Notaufnahme. Es ist ein fantastischer Beruf: Ich stehe unter Adrenalin und fühle mich wirklich nützlich. Bei uns in der Notaufnahme in Belfort-Montbéliard kommen jedes Jahr 80.000 Menschen an. Wir versorgen die gesamte Region. Ich habe drei Minuten, um die Menschen weiterzuleiten: Wer muss sofort operiert werden, wer kann genauso gut zum Hausarzt gehen, wer braucht ein Bett im Krankenhaus? Manchmal muss ich auch Menschen mit Herzstillstand wiederbeleben oder jemanden mit einem Schlaganfall an lebensrettende Infusionen anschließen.

Ich arbeite zwischen Leben und Tod und es macht mich traurig, wie der Staat seine Bürgerinnen und Bürger im Stich lässt. Manchmal sterben die Menschen in der Notaufnahme. Aber wir haben keine Zeit und keinen Platz, sie würdevoll zu begleiten. In der Nacht ist man allein mit 30 Schwerkranken, da bleibt keine Zeit für ein tröstliches Wort. Und die Sterbenden erleben ihre letzten Minuten mutterseelenallein auf einer Bahre im Flur. Das ist so kalt und unbarmherzig. Wenn ich dann nach Hause komme, habe ich das Gefühl, schlecht zu arbeiten. Das nagt an mir.