Der zweite Streiktag im öffentlichen Dienst in Frankreich hat erneut zu einem Verkehrschaos und Beeinträchtigungen in Schulen und Krankenhäusern geführt. Insbesondere die Nerven vieler Bewohner der Hauptstadtregion Paris wurden auf eine harte Probe gestellt. Auf den Straßen in und um die Metropole kam es zu den morgendlichen Stoßzeiten zu langen Staus, da viele Pendler wegen des Ausstandes von der Bahn auf das Auto umstiegen. Insgesamt stockte der Verkehr laut der Verkehrsapp Sytadin auf mehr als 350 Kilometern. Zehn der 16 Metro-Linien fuhren nicht.

Die Bewohner der Region müssen sich auf weitere Schwierigkeiten einstellen: Die Gewerkschaften bei der Pariser Bus- und Metrogesellschaft RATP kündigten an, den Ausstand vorerst bis Montag fortzusetzen. Der staatliche Bahnbetreiber SNCF musste streikbedingt etwa 90 Prozent seiner Hochgeschwindigkeitszüge TGV ausfallen lassen. Bei Air France wurden 30 Prozent der Inlandsflüge gestrichen. Allein in Paris blieben 178 Schulen geschlossen, da sich erneut auch Lehrer am Ausstand beteiligten, wenn auch nicht so viele wie am Donnerstag. Auch fünf Ölraffinerien wurden bestreikt. Das Energieministerium betonte aber, die Versorgung des Landes mit Treibstoffen sei dadurch nicht gefährdet.

Die Regierung will trotz der Proteste an der Rentenreform festhalten. Die konkreten Pläne sollen am kommenden Mittwoch vorgestellt werden. Das kündigte Premierminister Édouard Philippe an. Er verteidigte die Einführung eines einheitlichen Systems, das Privilegien für bestimmte Berufsgruppen auf lange Sicht beenden soll. Philippe sagte außerdem, dass die Franzosen länger arbeiten müssten. Er forderte eine konstruktive Debatte. "Ich glaube, und das habe ich immer gesagt, an den sozialen Dialog." Die Reform ist ein zentrales Wahlkampfversprechen von Präsident Emmanuel Macron.

Gewerkschaften befürchten harte Einschnitte

Die französischen Gewerkschaften haben für den kommenden Dienstag zu neuen Streiks und Massenprotesten aufgerufen. Das teilte eine Sprecherin nach einem Treffen von vier großen Gewerkschaften und vier Jugendorganisationen in Paris mit. Die Regierung müsse "flott einige Antworten liefern", sagte die Funktionärin Catherine Perret von der linksgerichteten CGT.  Diese habe den sozialen Unmut in der Bevölkerung völlig falsch eingeschätzt.

Am Donnerstag waren nach Behördenangaben mehr als 800.000 Menschen gegen die geplante Rentenreform von Präsident Emmanuel Macron auf die Straße gegangen, die Gewerkschaft CGT zählte 1,5 Millionen Teilnehmer. Die Gewerkschaften seien "entschlossen", die Aktionen branchenübergreifend weiterzuführen, sagte eine Vertreterin der Gewerkschaft FSU. "Der Ball liegt nun im Feld der Regierung", sagte die Gewerkschaft CGT.

Der Generalstreik richtet sich gegen eine Rentenreform, die im Detail noch gar nicht bekannt ist. Macron will Frankreichs veraltetes Rentensystem vereinfachen, das mehr als 40 verschiedene Pensionskassen umfasst. Dabei variieren Renteneintrittsalter und Pensionsleistungen. So können beispielsweise Bahnangestellte wesentlich früher in Rente gehen als andere Beschäftigte. Das gesetzliche Renteneintrittsalter liegt derzeit bei 62 Jahren. Macron hält das System für unfair und zu teuer. Er fordert ein auf Rentenpunkten basierendes System, das für alle Franzosen gleichermaßen gelten soll. Der Vorsitzende der Gewerkschaft CGT, Philippe Martinez, drohte der Regierung mit wochenlangen Protesten.