Laureline, 45, Finanzbeamtin, hat nachgerechnet. "Mindestens 30 Prozent" weniger Rente würde sie bekommen, wenn Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die geplante Reform der Ruhestandgelder umsetzt. Dagegen geht sie auf die Straße. 

Allein in Paris haben sich an diesem Donnerstag nach Gewerkschaftsangaben mehr als 250.000 Menschen zum Protest gegen Marcons Pläne versammelt. In ganz Frankreich, in rund 70 Städten, sollen es den Angaben zufolge rund 1,5 Million sein – mehr als doppelt so viel wie zu Beginn der Gelbwesten-Proteste vor einem Jahr. Das Innenministerium spricht von rund 800.000 Teilnehmern.

Laureline hat die rote Fahne ihrer Gewerkschaft CGT geschultert. "Die Reform muss weg", sagt sie. Die Beamten wie sie sind nur eine von vielen Gruppen, die Macron mit ihrem Protest zum Aufgeben zwingen wollen. Die Straßen um den Pariser Bahnhof Gare de l'Est sind bereits gegen ein Uhr, eine gute Stunde vor Beginn des Demonstrationszugs, schwarz vor Menschen. "Macron bidon" ist auf zahlreichen Transparenten zu lesen. Der Präsident sei ein Betrüger, der die Franzosen um ihren verdienten Ruhestand bringen wolle. Um ihm das mitzuteilen, sind viele Demonstranten nicht vor langen und verschlungenen Anfahrtswegen zurückgeschreckt. Seit den frühen Morgenstunden sind fast 90 Prozent der Zugverbindungen aufgrund des Streiks der Bahnbediensteten ausgefallen. In Paris fahren am Donnerstag nur zehn der insgesamt zwölf Metro-Linien und zwei von vier S-Bahnen.    

Doppelt so hohe Beträge

Nicht alle haben so genau gerechnet wie Laureline. "Aber es ist ganz klar, dass wir weniger Geld bekommen würden", ist Ofelie überzeugt. Sie arbeitet als Krankenschwester. "In dem Beruf können wir nicht bis ins hohe Alter arbeiten. Wenn aber das Rentenalter künftig bei 64 Jahren liegen soll, bedeutet das Abschläge." Ein paar Meter weiter wettert ein junger Bahntechniker in Ausbildung, dass er bei einer Erhöhung des Renteneintrittsalters nur fünf oder sechs Jahre im Ruhestand sein könne. "Ich habe heute Morgen im Radio gehört, dass Arbeiter durchschnittlich mit 71 sterben." Und Anwalt Frédéric Chhum, der in seiner Robe zur Demo gekommen ist, hat ebenfalls seine Gründe: "Wir Selbstständigen sollen künftig doppelt so hohe Beiträge zahlen. Das trifft vor allem kleine Kanzleien ganz gewaltig."

Staatschef Macron hat in den ersten zweieinhalb Jahren seiner Amtszeit viel Gegenwind für seine Reformen erfahren. Doch nie zuvor war die Gruppe seiner Gegner so groß und so divers wie nun bei seinem Plan, die Rente zu reformieren. Ein Wirrwar von 42 verschiedenen Ruhestandsystemen mit zahlreichen Sonderregelungen und Privilegien soll Platz machen für ein einheitliches Punktesystem. Pro zehn Euro Beitrag soll es künftig einen Punkt geben, unabhängig von der Tätigkeit und egal, ob der Beitragszahler im öffentlichen Dienst oder in der Privatwirtschaft arbeitet. Setzt er die Reform um, schafft er, woran sich einige seiner Vorgänger die Zähne ausbissen. Scheitert er, erteilen ihm seine Gegner den politischen Knock-out, von dem sie spätestens seit dem Beginn der Gelbwesten-Proteste im vergangenen Jahr träumen.