Am 12. Dezember wählt Großbritannien bei vorgezogenen Neuwahlen ein neues Parlament. Beim zweiten TV-Duell der Kontrahenten am Freitagabend hat Oppositionschef Jeremy Corbyn (Labour) schwere Vorwürfe gegen den amtierenden Premierminister Boris Johnson (Konservative) erhoben. Johnson gehe beim wahlkampfdominierenden Thema Brexit intransparent vor und kommuniziere seine Pläne für den EU-Austritt nicht offen, sagte er in der Sendung des britischen Senders BBC, moderiert von Nick Robinson. Das Versprechen des Regierungschefs, mit seinem Brexit-Deal das "Gezerre" um den EU-Austritt zu beenden, sei nicht einzuhalten.

Die beiden Kontrahenten stellten zudem den Charakter des jeweils anderen infrage. Corbyn demonstriere "Führungsversagen", weil er Antisemitismus in seiner Partei nicht habe ausmerzen können, kritisierte Johnson. Corbyn entgegnete, "Führungsversagen ist, wenn Sie sich rassistischer Bemerkungen bedienen". In einem Magazinartikel hatte Johnson im vergangenen Jahr etwa muslimische Frauen mit Gesichtsschleier als "Briefkästen" bezeichnet. An einer Stelle des TV-Duells deutete BBC-Moderator Nick Robinson an, dass die Wählerinnen und Wähler vor einer "unmöglichen Wahl" zwischen zwei unpopulären und unglaubwürdigen Parteichefs stünden.

Corbyn warnt vor "katastrophalen" Schäden durch Johnsons Deal

Wie schon im ersten Duell zwei Wochen zuvor sagte Corbyn, ein Freihandelsabkommen mit den USA nach dem Brexit sei erst nach langwierigen Verhandlungen machbar. In der ersten Fernsehdebatte hatte er dafür eine Dauer von sieben Jahren prognostiziert, während Johnson versprach, mögliche wirtschaftliche Schäden durch den Brexit mit dem schnellen Abschluss des Handelsabkommens ausgleichen zu können.

Johnson wiederum warf Corbyn vor, keine klare Haltung zum EU-Austritt einzunehmen. Auch dieser Vorwurf war bereits im ersten Duell von ihm zu hören, da er damit eine Schwachstelle Corbyns trifft: Die Strategie des Labourvorsitzenden, in der Brexit-Debatte eine neutrale Haltung einzunehmen, um Brexit-Befürworterinnen auf der eigenen Seite nicht zu verprellen, hat ihm in der eigenen Partei viel Kritik eingebracht.

Corbyns eigentlicher Angriff auf Johnson ging der Fernsehdebatte allerdings voraus. Einige Stunden vor der Sendung hatte Corbyn bei einer Wahlkampfveranstaltung ein mutmaßliches geheimes Regierungspapier zitiert, das die Glaubwürdigkeit des Premierministers in Bezug auf den Brexit starken Zweifeln aussetzte.