Vermummte Angreifer haben am Freitag in der irakischen Hauptstadt Bagdad auf regierungskritische Demonstrierende gefeuert und etliche Menschen getötet. Die Nachrichtenagentur dpa schreibt von 16 Toten und rund 100 Verletzten. AFP und AP beziffern die Zahl der Opfer mit 17 beziehungsweise 25. Demnach seien mehr als 130 Personen verletzt worden.

Augenzeugen berichteten später, dass Bewaffnete aus vier Fahrzeugen auf Protestierende am zentralen Al-Chalani-Platz gefeuert hätten. Dort sei Panik ausgebrochen. Die Menschen seien in die Gassen rund um den Platz geflohen, während die Angreifer weiter auf sie geschossen hätten.

Wer hinter der Attacke steckt, ist unklar. Das irakische Staatsfernsehen bezeichnete die Angreifer als "nicht identifizierte Männer". Die irakischen Behörden kündigten an, den Angriff zu untersuchen.

"Es war ein Massaker"

Am Samstag gingen Tausende Menschen auf die Straße, um der Opfer zu gedenken. "Sie haben intensiv und gnadenlos auf die Demonstranten gefeuert", sagte ein Augenzeuge über den Angriff vom Vortag. "Sie haben nicht zugelassen, dass wir die Verwundeten in Sicherheit bringen. Es war ein Massaker."

Im Irak protestieren Teile der Bevölkerung seit Anfang Oktober gegen Misswirtschaft und Korruption. Ministerpräsident Adel Abdel Mahdi hatte daraufhin seinen Rücktritt eingereicht. Eine Menschenrechtskommission, die das Parlament gewählt hatte, geht von mehr als 460 Toten und mehr als 20.000 Verletzten aus.

Auch außerhalb von Bagdad kam es zu Gewalt: In der Stadt Nadschaf im Süden des Iraks griffen Unbekannte das Büro des einflussreichen schiitischen Geistlichen Muktada al-Sadr mit einer Drohne an. Außerdem sollen Angreifer dort aus zwei Autos Schüsse abgefeuert haben, bevor Sicherheitskräfte sie in die Flucht schlugen. Verletzt wurde bei beiden Attacken niemand.

Al-Sadrs Block war aus der Parlamentswahl im Mai 2018 als stärkste politische Kraft hervorgegangen. Dieser stellt die meisten Abgeordneten in der 329 Sitze zählenden Versammlung. Al-Sadr unterstützt die Massenproteste im Land und hat sich dafür ausgesprochen, eine Regierung aus Technokraten zu bilden. Das wäre ein Novum im Irak, wo Regierungen seit dem Sturz von Diktator Saddam Hussein im Jahr 2003 nach einem Proporzsystem zwischen den religiösen Gruppen aufgestellt werden.

Die UNO bezeichnet den Überfall als "Gräueltat"

Als erster ranghoher Politiker äußerte sich Präsident Barham Saleh zu dem tödlichen Angriff auf die Demonstranten. Er rief die Behörden am Samstag auf, die "Täter zu identifizieren und zur Rechenschaft zu ziehen".

Auch ausländische Diplomaten forderten Konsequenzen. Die Regierung in Bagdad müsse die Demonstranten schützen und "sofortige Maßnahmen" gegen die unbekannten Angreifer ergreifen, erklärte der britische Botschafter Stephen Hickey. Die UNO bezeichnete den Überfall auf das Protestcamp als "Gräueltat". Zuvor hatte die UN-Sonderbeauftragte für den Irak, Jeanine Hennis-Plasschaert, bereits mangelnde Aufklärung beklagt und von "maskierten Männern" und "nicht identifizierten Scharfschützen" bei Protesten gesprochen.