Cornelius Adebahr ist selbstständiger Politikberater und Analyst in Berlin, wo er zu europäischen und globalen Fragestellungen arbeitet und den Bürgerdialog über Außenpolitik fördert. Er ist seit Anfang 2006 am Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) tätig und lebte zwischen 2011 und 2016 erst in Teheran, anschließend in Washington, D.C.

Das hat die Welt noch nicht gesehen: Mitte November häufen sich die Nachrichten von tödlichen Protesten im Iran, doch fehlen die Bilder dazu. Am 15. um Mitternacht, zu Beginn des iranischen Wochenendes, hatte die Regierung eine drastische Erhöhung der Benzinpreise angekündigt. Keine 24 Stunden später begannen die Menschen, auf die Straßen zu strömen – in den Trabantensiedlungen vor den Toren der Hauptstadt, den unbekannten Städten wie Islamschahr und Schahrijar, ebenso wie in den Provinzen an der Grenze zum Irak, Kermanschah und Chusistan. Doch ohne die entsprechenden Bilder fiel es dem auf Fernsehnachrichten und Videoclips aufbauenden internationalen news cycle schwer, hiervon Notiz zu nehmen – ganz so, wie es die iranische Führung beabsichtigte.

Denn es ging schon bald nicht mehr nur ums Geld. Natürlich ist die Verteuerung des Sprits um das bis zu Dreifache kaum für eine Bevölkerung zu stemmen, deren Kaufkraft sowieso schon rapide gesunken ist. Jahrelange Misswirtschaft sowie die jüngsten amerikanischen Sanktionen haben vor allem Importprodukte massiv verteuert, aber auch Lebensmittel wie Brot und heimisches Gemüse sind allein im vergangenen Jahr im Preis um fast das Doppelte gestiegen.

Vielmehr richtete sich der Protest gegen "das System" – nezam – der Islamischen Republik insgesamt. Ähnlich wie bei den jüngsten Unruhen rund um den Jahreswechsel 2017/18, nur deutlich heftiger, machten Demonstranten und Randalierer ihrem Unmut Luft: Tankstellen und Treibstofflager setzten sie ebenso in Brand wie Banken, Polizeiwachen und andere öffentliche Gebäude.

Das Regime agiert geschlossen

Was dann passierte, wird den Iran und die Welt noch eine Weile beschäftigen, allein um die tatsächlichen Geschehnisse aufzuarbeiten. Zum einen gingen die Sicherheitskräfte ohne viel Federlesen mit scharfer Munition gegen die Demonstranten vor; zum anderen kappten die Behörden den Zugang zum Internet, um zu verhindern, dass Bilder und Nachrichten aus dem Land dringen. Der Iran wurde zum "dunklen Fleck" des World Wide Web und blieb dies für fast eine ganze Woche. In einigen Regionen, vor allem im arabisch geprägten Südwesten, hält die Internetsperre bis heute an.

Schließlich bekam die Welt sie doch zu sehen, die Bilder, die das Regime mit diesem drastischen Shutdown verhindern wollte. Panzer und Pick-ups mit Maschinengewehren auf den Straßen; blutüberströmte Demonstranten; Scharfschützen auf den Dächern; fliehende Menschenmassen; Zivilpolizisten und Milizionäre, die aus nächster Nähe schießen. Außerdem kurze Videosequenzen von jungen Iranerinnen und Iranern, die die Lage kommentieren, erklären, warum sie sich den Protesten anschließen, auf eine bessere Zukunft hoffen – und die dafür mit dem Leben bezahlt haben.

Mehr als zwei Wochen nach Beginn der Unruhen spricht Amnesty International aufgrund umfangreicher Recherchen von 208 Getöteten. Vermutlich liegt die tatsächliche Zahl noch höher, da die Behörden deren körperliche Überreste oftmals nur mit dem Verbot jeglicher öffentlicher Bekanntmachung an die Verwandten herausgeben. Allein in der Stadt Mahschahr, einer Industriestadt am Persischen Golf, wurden glaubwürdigen Berichten zufolge bei einem Massaker mehr als 100 Menschen erschossen, als sie ins Marschland flohen. Die Regierung selbst bestreitet mittlerweile nicht mehr das tödliche Eingreifen der Sicherheitskräfte, führt dieses aber auf den Einsatz gegen die "Rädelsführer" einer ausländischen Verschwörung zurück.

So kaltblütig die Reaktion der Sicherheitskräfte, so geschlossen zeigt sich die iranische Führung gegenüber den Protesten. Warben nach den Neujahrsprotesten vor knapp zwei Jahren wichtige Stimmen bis hoch zum Präsidenten um Verständnis für die wirtschaftlichen Sorgen der Demonstranten, überwiegt nun – trotz der offensichtlichen und massiven staatlichen Gewalt – der Schulterschluss. Die wenigen kritischen Stimmen werden schnell erstickt, wie die des Abgeordneten der Stadt Mahschahr: Als Mohammad Golmoradi im Parlament in Teheran die Niederschlagung der Proteste mit der Brutalität des Schahs vergleicht, zerren ihn andere Abgeordnete vom Mikrofon weg und traktieren ihn.