Es gehörte zu den unerwarteten Ereignissen des Jahres, dass im Januar 2019 in Brasilien der neue Präsident Jair Bolsonaro sein Amt antrat. Er war, ähnlich wie einst in den USA Donald Trump, als Witzfigur ins Wahlrennen gestartet und hatte dann doch einen rauschenden Wahlsieg davongetragen: ein jahrzehntelanger Hinterbänkler, der kaum mal Einfluss auf ein Gesetz nahm, und der seine Bekanntheit hauptsächlich groben Sprüchen verdankte. Die gingen gegen weibliche Abgeordnete ("nicht wert, von mir vergewaltigt zu werden"), gegen Homosexuelle ("bei meinem Sohn wäre es mir dann lieber, wenn er in einem Autounfall stirbt") oder indigene Völker ("leben wie im Zoo").

Doch all den ruppigen Sprüchen und demokratiefeindlichen Anwandlungen zum Trotz: Nicht nur erboste Protestwähler und manipulierbare Hitzköpfe trugen den früheren Hauptmann in den brasilianischen Präsidentenpalast – sondern auch ein sonst sehr besonnener Sektor der brasilianischen Gesellschaft, die Wirtschaftsvertreter. "Wunschkandidat der Märkte" nannten ihn vor der Wahlentscheidung sogar Analysten der Deutschen Bank, und damit hatten sie Recht. Je wahrscheinlicher im vergangenen Jahr die Wahl Bolsonaros schien, desto stärker stiegen die Börsenkurse.

Einige prominente brasilianische Unternehmer wie der Chef der Handelskette Havan setzten sich aktiv für den Mann mit den rechtsextremen Ansichten ein. Unternehmerverbände gaben Wahlkampfunterstützung, und auch in den Ablegern einiger deutscher Unternehmen in Brasilien brach nach dem Wahlsieg Freude aus.

Brasilien - Jaír Bolsonaro bringt das Klima in Gefahr Der brasilianische Präsident Jaír Bolsonaro geht radikal gegen den Regenwald und seine indigene Bevölkerung vor. Das hat Auswirkungen auf den Klimawandel, erklärt Dagny Lüdemann.

Unternehmer und Manager freuten sich auf Bolsonaro

Es gibt in brasilianischen Unternehmerkreisen – und unter deutschen Expats – durchaus Leute, die die rechtsextremen Ansichten Bolsonaros teilen. Bolsonaros Nähe zu den Militärs und Fans der alten Militärdiktatur (1964–1985). Das aggressive Vorantreiben der Abholzung am Amazonas und die Vertreibung indigener Völker. Der Abbau bestimmter Sozialleistungen und der Gesundheitsversorgung für arme Menschen. Das extrem gewaltsame Vorgehen gegen Kriminelle, wobei Hunderte unschuldiger Opfer sterben.

In all diesen Punkten hat Bolsonaro recht genau das geliefert, was er im Wahlkampf und überhaupt schon in seiner ganzen politischen Karriere versprach: Die Sprüche waren nicht nur einfach Sprüche, mit denen sich Stammtische belustigen konnten, sondern er macht jetzt viele davon wahr.

Doch der eigentliche Grund für viele Wirtschaftsvertreter, Hoffnungen in Bolsonaro zu setzen, war tatsächlich: die Wirtschaft selbst. Bolsonaro lag richtig damit, dass er Brasilien einen massiven Reformstau bescheinigte: Brasiliens sozialdemokratische Regierungen unter Luiz Inácio "Lula" da Silva (2003-2011) und Dilma Rousseff (2011-2016) hatten in einer Boomperiode regiert, in der Brasiliens Wirtschaft durch Rohstoffexporte nach Asien quasi von selbst lief.

Sie unterließen wichtige Reformen, was Wirtschaftsführer seit Jahren frustrierte. Die Unternehmer und Manager des Landes atmeten auf, als Bolsonaro ankündigte: Er werde das völlig überteuerte Rentensystem des Landes reformieren, das byzantinische Steuersystem des Landes vereinfachen, träge gewordene Staatsunternehmen privatisieren und lästige Vorschriften zum Umweltschutz oder zum Arbeiterschutz aufweichen. Bolsonaro heuerte dafür auch überzeugende Leute an: Wirtschaftsminister Paulo Guedes etwa ist ein anerkannter Ökonom von der früher mal sehr wirtschaftsliberalen Universität Chicago, mit Erfahrungen im Investmentbanking.