Eine so deutliche Niederlage hatte kaum jemand erwartet. Labour hat Dutzende Sitze verloren, es ist nach Auszählung fast aller Wahlkreise das schlechteste Resultat seit vielen Jahrzehnten. Die späte Aufholjagd, zu der Labour in den vergangenen Tagen angesetzt hatte, nutzte nichts mehr. Die Partei ist in ein Loch gefallen – und Parteichef Jeremy Corbyn blieb nichts anderes übrig, als seinen Rückzug anzukündigen. Warum ist er am Ende gescheitert?

Die Suche nach Schuldigen begann schon kurz nach Bekanntgabe der ersten Hochrechnung. Im Mittelpunkt steht dabei Corbyn selbst. Dieser habe den Sieg verspielt, weil er zu unbeliebt sei, hieß es überwiegend in den ersten Kommentaren. Da ist zweifellos etwas dran. Dass der Labourchef miese Zustimmungswerte verzeichnet, ist bekannt. Zudem berichteten Labourkandidatinnen und -aktivisten aus dem Wahlkampf, dass sich viele ehemals treue Labourwähler über Corbyn beschwert hätten – obwohl sie das wirtschaftspolitische Programm der Partei eigentlich mögen. Aber mit Corbyn an der Spitze wollten sie nicht Labour wählen.  

Mal zu extrem, mal zu zahm – britische Presse verunglimpfte Corbyn

Ein Grund für Corbyns Imageproblem liegt in einer jahrelangen Medienkampagne gegen den Labourchef, angeführt vom rechtskonservativen Boulevard. Dieser verunglimpfte Corbyn als zu extrem, zu zahm, zu autoritär, zu wenig durchsetzungsfähig, zu lächerlich, zu gefährlich – und zwar alles gleichzeitig. Die konservative und Corbyn-feindliche Schlagseite der britischen Presse – auch der Qualitätsblätter – ist bekannt und durch mehrere Studien belegt. Es war ein schamloser Versuch, den Oppositionschef als jemanden darzustellen, der sich außerhalb der akzeptablen politischen Bandbreite bewegt.

  • Stimm­verteilung
  • Sitz­verteilung

Aber diese Kampagne ändert nichts an der Tatsache, dass die Person des Parteichefs in diesem Wahlkampf auch aufgrund seiner Positionen eine Reizfigur war und dass dies seiner Partei geschadet hat. Corbyns Brexit-Standpunkt blieb unscharf, sein propalästinensischer Kurs umstritten. Im Gegensatz zum Wahlkampf 2017 konnte er jetzt auch nicht mehr als Außenseiter punkten.

Dennoch war die Person Corbyns weniger entscheidend für die Niederlage von Labour als das große Thema: der Brexit. In vielen EU-skeptischen Regionen in Norden Englands und in den Midlands gewannen die Tories Sitze hinzu, die bislang stets sicher in Labourhand waren. Das ist eine Entwicklung, die sich bereits bei der Wahl 2017 abzeichnete – doch damals konnte Labour in den meisten Fällen doch noch die Sitze halten.  

Plötzlich wählten Arbeiterwahlkreise die Tories

Nicht so am jetzigen Wahltag. Etliche Leavers-Sitze wechselten von Labour zu den Tories, in manchen Fällen auf spektakuläre Weise. Dass die Wählerinnen und Wähler in Wahlkreisen wie zum Beispiel Blyth Valley, einem ehemaligen Bergarbeitergebiet im Nordosten des Landes, zum ersten Mal überhaupt einen Tory gewählt haben, wäre noch vor wenigen Jahren unvorstellbar gewesen. Das markiert eine Zäsur.

Es stellt sich also die Frage, was sich in zweieinhalb Jahren geändert hat. Corbyn war bereits 2017 Labourchef und das Wahlprogramm versprach damals ebenfalls einen radikalen Wandel, wenn auch in etwas bescheidenerem Ausmaß. Die Brexit-Politik hingegen war eine andere: Labour setzte sich für einen weichen EU-Austritt ein, während die Partei diesmal für ein zweites Referendum plädierte. Das mag eine völlig sinnvolle Richtungsänderung sein, schließlich ist dreieinhalb Jahre nach dem ersten Votum klarer, wie der EU-Austritt am Ende aussehen könnte und was die Konsequenzen wären. 

Brexit-Wähler sehen sich durch Labour verraten

Aber viele Brexit-Wähler sahen das Eintreten für eine neue Volksbefragung als Signal, dass Labour das demokratische Votum von 2016 nicht respektieren wolle. Darunter sind viele Bürgerinnen und Bürger, die sich seit langer Zeit über die fehlende demokratische Mitsprache beschwert haben und die das EU-Referendum als einen seltenen Sieg über das Establishment feiern; eine zweite Brexit-Abstimmung sehen sie als Versuch der verhassten Londoner Elite, ihnen den Sieg am Ende doch noch zu verwehren. Die Labourpartei hat unterschätzt, wie tief dieses Misstrauen sitzt. Auch hat sie die Unterstützung dieser Wählerinnen und Wähler als selbstverständlich angesehen – und erst jetzt gemerkt, dass Parteiloyalitäten nicht in Stein gemeißelt sind.

Auf der anderen Seite lebt Corbyns Labourpartei von der Basis – und die ist proeuropäisch. Es ist zweifelhaft, ob die Tausenden Aktivistinnen und Aktivisten in den vergangenen Wochen so unermüdlich von Tür zu Tür gegangen wären, um für Labour zu werben, wenn sie Vorbehalte gegen Corbyns Brexit-Politik gehabt hätten, das heißt, wenn er sich nicht dem Remainers-Lager angenähert hätte. Der Brexit-Graben zieht sich quer durch die britische Gesellschaft, und der Versuch Labours, beide Seiten zufriedenzustellen, ist am Ende gescheitert.

Man kann sich fragen, ob die Strategie eines zweiten Referendums funktioniert hätte, wenn der Richtungswechsel der Parteiführung früher gekommen wäre, und nicht erst Anfang dieses Jahres. Dann hätte Labour zumindest Zeit gehabt, die Wähler in den Leavers-Gebieten von ihrer Strategie zu überzeugen, die Gründe für das Votum zu eruieren und Lösungen anzubieten. Auf jeden Fall machte die remainers-freundlichere Labourpartei keinen Eindruck auf die Wähler in vielen ehemaligen linken Zentren. Ob der Brexit die politische Landschaft Großbritanniens kurzfristig verändert oder ob es zu einer grundlegenden Neuordnung kommt, wird sich jetzt erst noch zeigen.