Die Verhandlungen bei der Weltklimakonferenz dauern an. Konferenzleiterin Carolina Schmidt kündigte um Mitternacht im Plenum neue, aus ihrer Sicht verbesserte Textfassungen der Beschlusstexte an. Eigentlich hätte die Konferenz bereits am Freitagabend enden sollen, aber die Staaten lagen in ihren Positionen zuletzt noch weit auseinander. "Ich weiß, dass wir sehr müde sind, ich weiß, dass die meisten von Ihnen nicht geschlafen haben", sagte Schmidt, die Umweltministerin in Chile ist, den Vertretungen aus knapp 200 Ländern. Sie wolle weitermachen, bis eine Einigung erreicht sei. "Es ist hart, es ist schwierig, aber es ist es wert", sagte sie.

Streit gibt es vor allem um Artikel 6, der die Marktmechanismen zur Senkung des CO2-Ausstoßes regeln soll. Dort geht es um die sogenannten NDCs, nationale Klimaschutzbeiträge. Industrieländer sollen sich Emissionseinsparungen auf ihre NDCs anrechnen lassen können, wenn sie in einem ärmeren Land ein Solarkraftwerk finanzieren. Unklar ist außerdem, ob die unter dem Kyoto-Protokoll vergebenen Verschmutzungsrechte unter dem Paris-Abkommen weiter gelten sollen. Umweltverbände warnen, dass dies das gesamte Pariser Abkommen unterlaufen könnte. Weiter sind sich die Länder uneinig, inwieweit Länder, die durch den Klimawandel bereits Schäden erlitten haben, unterstützt werden sollen. Die Konsultationen darüber soll die Umweltministerin des Gastgeberlands Spanien führen, Teresa Ribera.

Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg kritisierte, dass es kaum vorangehe. Es sehe so aus, als würde die Konferenz gerade scheitern, schrieb Thunberg auf Twitter. "Die Wissenschaft ist eindeutig, aber die Wissenschaft wird ignoriert."

Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) äußerte sich ebenfalls besorgt über den Stand der Verhandlungen. Es handele sich um "eine sehr ernste und sehr schwierige Situation", sagte Schulze. Die chilenische COP-Präsidentschaft habe Beschlusstexte vorgelegt, "die nicht einigungsfähig" seien. Es könne aber nicht sein, "dass diejenigen, die bremsen, dass die hier das Ergebnis dieser Weltklimakonferenz entscheiden".

Am Samstag hatten die EU sowie Vertretungen von Entwicklungs- und Schwellenländern bereits kritisiert, dass die bisher vorliegenden Entwürfe der Beschlusstexte nicht deutlich genug machten, dass die nationalen Klimaschutzziele strenger sein müssten, um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten. Auch Umweltschützer kritisierten die bisherigen Entwürfe als deutlich zu schwach.

Kleine Länder kritisieren mangelnde Einbindung

Ein Vertreter Papua-Neuguineas kritisierte außerdem, dass zeitweise 90 Prozent der Teilnehmenden nicht aktiv in den Prozess eingebunden waren. "Das wird nicht zu einer Einigung führen." Es gehe um ein weltweites Problem, das eine weltweite Lösung brauche. "Und jedes hier vertretene Land muss spüren, dass es etwas dazu beitragen kann." Dafür gab es Applaus. Schmidt stimmte zu, dass Transparenz und Beteiligung wichtig seien. In den Verhandlungen werden immer wieder kleinere Arbeitsgruppen gebildet.

Die Klimaaktivistin Carola Rackete, die Kapitänin des Rettungsschiffs Sea Watch 3 bekannt wurde, rief derweil zu zivilem Ungehorsam auf. Bürgerinnen und Bürger müssten die Politik zu mehr Ehrgeiz im Kampf gegen die drohende Klimakatastrophe bewegen. Dies sei unbedingt notwendig, weil im Moment viele politische Entscheidungen mit "katastrophalen Folgen" getroffen würden, sagte sie den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Wir sind die letzte Generation, die noch etwas tun kann. Für zukünftige Generationen wird es zu spät sein, um den Klimawandel als existenzielle Krise noch aufzuhalten."

"Dramatik noch nicht verstanden"

Rackete sagte weiter, die Menschen müssten verstehen, "dass wir mit allem, was wir tun, und auch mit allem, was wir nicht tun, natürlich das aktuelle System unterstützen". Auch Nichthandeln ziehe Konsequenzen nach sich. "Sollte sich das Erdklima tatsächlich um zwei Grad erwärmen, dann setzen wir physikalische Prozesse in Gang, die wir nicht mehr umkehren können. Ich glaube, das haben in der Dramatik viele noch nicht verstanden." Der Klimawandel werde auch innerhalb Europas Fluchtbewegungen auslösen. Manche Regionen würden etwa extrem unter Wasserknappheit leiden, es werde mehr Überschwemmungen geben. "Und die Niederschläge fallen irgendwo, wo sie nicht geplant sind, oder zu anderen Zeiten. Für die Landwirtschaft ist das ein unglaubliches Problem."

Der Klimaschutzgipfel sollte eigentlich am Freitagabend zu Ende gehen, wurde aber verlängert. Seit mehr als zehn Tagen dauern die Verhandlungen in Madrid an. Ziel ist, das Regelwerk zum Pariser Klimaschutzabkommen fertigzustellen, mit dem die Weltgemeinschaft die Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad begrenzen will. Die übrigen Umsetzungsregeln waren bereits bei der Weltklimakonferenz vor einem Jahr in Katowice beschlossen worden. Die Diskussion um Artikel 6 wurde wegen verhärteter Fronten aber auf Madrid verschoben. Er könnte, sollte es keine Einigung geben, auch die nächste UN-Klimakonferenz in einem Jahr in Glasgow beschäftigen.

Schon jetzt hat sich die Erde nach Befunden des Weltklimarats um rund ein Grad aufgeheizt im Vergleich zur vorindustriellen Zeit. Die vergangenen vier Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Zu den Folgen der Erderwärmung zählen mehr extreme Wetterereignisse, also je nach Region mehr Hitzewellen, Dürren und Waldbrände, aber auch Stürme, Überschwemmungen und Starkregen.