Dieser Klimagipfel ist anders. Die Unterhändler sagen, sie spüren mehr Druck. Er geht von den jungen Aktivistinnen und Aktivisten aus, die einen schnelleren und konsequenteren Kampf gegen die Erderwärmung fordern. Ursprünglich inspiriert und mobilisiert von Greta Thunberg, wird die Bewegung inzwischen von vielen anderen getragen. Sie reden und protestieren auch in den weitläufigen Hallen der Klimakonferenz von Madrid. ZEIT ONLINE hat mit Aktivistinnen und Aktivisten aus vier Ländern über ihre Arbeit zu Hause gesprochen und darüber, wie sie den Klimagipfel erleben.

"Wir wurden schon nach 15 Minuten festgenommen"

Der 25-jährige Arshak Makichyan ist einer der wenigen prominenten Klimaaktivisten in Russland.

Arshak Makichyan, 25, auf der Klimakonferenz in Madrid © Alexandra Endres für ZEIT ONLINE

ZEIT ONLINE: Herr Makichyan, wie ist es, in Russland fürs Klima zu streiken?

Arshak Makichyan: Schwierig. Wir sind nicht so viele wie zum Beispiel in Deutschland. Am Anfang haben die Leute uns angeschaut, als kämen wir von einem anderen Planeten. Viele wissen nichts über den Klimawandel. Wir waren zu Beginn rund 50 Aktivisten, haben in einem Park protestiert, denn dafür hatten wir eine Genehmigung bekommen. Da stehen viele Bäume, und wer zwischen ihnen demonstriert, ist praktisch nicht sichtbar. Aber man nimmt uns trotzdem wahr. Wir wachsen, und mittlerweile gibt es jede Woche Streiks in unterschiedlichen Städten. 

ZEIT ONLINE:Wer organisiert die Proteste?

Makichyan: Wir sind eine unabhängige Graswurzelbewegung. Jeder kann das tun. Ich bin nicht der Einzige, der in Moskau demonstriert.

ZEIT ONLINE:Wie haben Sie selbst vom Klimawandel erfahren?

Makichyan: Zuallererst via Twitter. Dann habe ich immer mehr Artikel darüber gelesen, auch über Greta Thunberg. Ich wusste, dass etwas schiefläuft, ich hatte beispielsweise von der Luftverschmutzung gehört. Aber ich wusste nicht, dass der Klimawandel ein so ernsthaftes globales Problem ist. Ich bin Violinist, kein Ökologe. 

ZEIT ONLINE: Wird Ihr Protest immer noch in Parks abgeschoben?

Makichyan: Oft wird er nicht einmal genehmigt. Es ist riskant, in Moskau gegen den Klimawandel zu demonstrieren, aber wir überlegen uns Taktiken, damit umzugehen. Wir machen zum Beispiel Kettendemos.

ZEIT ONLINE: Was ist das?

Makichyan: Zu der größten bisher kamen 70 Menschen, und sie haben nacheinander ihre Plakate in die Höhe gehalten. Hätten nur zwei das gleichzeitig getan, wäre unsere Aktion als Massenkundgebung eingestuft und vermutlich aufgelöst worden.  

ZEIT ONLINE: Sie sagen, Sie haben keine Angst, ins Gefängnis zu gehen, sondern viel mehr Angst, nicht genug für das Klima zu tun. Wurden Sie schon einmal verhaftet?

Makichyan: Ich bin mit zwei anderen Demonstranten am 25. Oktober festgenommen worden, weil wir trotz fehlender Genehmigung protestiert haben. Ich hatte die Aktion vorher auf meinem Facebook-Account angekündigt und andere eingeladen, zu kommen. Wir standen auf dem Suvorov-Platz und wurden schon nach 15 Minuten festgenommen. Fünf Stunden später ließ die Polizei mich wieder gehen. Vermutlich haben sie mich nicht verhaftet, weil wir internationale Unterstützung erhalten. Aber jetzt ist ein Gerichtsverfahren gegen mich anhängig. 

ZEIT ONLINE: Trotzdem haben die Behörden Sie ausreisen lassen?

Makichyan: Vielleicht hoffen Sie, dass ich nicht zurückkehre. Das würde bedeuten, dass ich aufgebe. Aber selbstverständlich gehe ich zurück. Ich werde weiter streiken, denn ich denke, das ist jetzt wichtiger als alles andere. Russland ist der viertgrößte Emittent von Treibhausgasen, die Öl- und Gasunternehmen gehören der Regierung.

ZEIT ONLINE:  Was denken Sie über die UN-Klimakonferenz?

Makichyan: Die hier anwesenden Regierungen haben verstanden, dass sie etwas tun müssen, und sie haben Angst davor. Es ist schwierig, etwas zu verändern, wenn fast 200 Länder miteinander verhandeln und jeder an sich selbst denkt. Aber aus unserer Bewegung werden Politikerinnen und Politiker kommen, die dann alles verändern können.