In der belarussischen Hauptstadt Minsk haben Hunderte Menschen für mehr Unabhängigkeit vom Nachbarn Russland demonstriert. Die überwiegend jungen Demonstrierenden befürchten, dass ihr Land an Russland angegliedert werden könnte. Die Nachrichtenagentur dpa schreibt von bis zu 700 Teilnehmenden und beruft sich auf lokale Medien. Der Nachrichtenagentur AFP zufolge sollen rund tausend Menschen protestiert haben.

Die Demonstrierenden zogen in einem Protestzug in Richtung des Regierungsgebäudes und bildeten eine Menschenkette. Medienberichten zufolge war die Aktion nicht genehmigt. Die Polizei der ehemaligen Sowjetrepublik beobachtete das Geschehen, schritt aber nicht ein.

Belarus ist der amtliche Name für Weißrussland, Präsident Alexander Lukaschenko herrscht dort seit 1994. Sein Regime gilt als autoritär, er wird oft als "Europas letzter Diktator" bezeichnet.

Hintergrund der Proteste war ein Treffen von Lukaschenko mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin in Sotschi am Schwarzen Meer. Nach Angaben der russischen Regierung ging es dabei um "Schlüsselfragen in unseren bilateralen Beziehungen, einschließlich der Aussichten auf eine vertiefte Integration". Er wolle alles tun, um sicherzustellen, dass "unsere Völker weiterhin näher zusammenrücken, insbesondere im wirtschaftlichen und sozialen Bereich", sagte Putin.

Lukaschenko forderte von Russland "gleiche Bedingungen" sowie gleiche Gas- und Ölpreise wie die für russische Unternehmen. Beide Länder sollten vor allem im wirtschaftlichen und sozialen Bereich mehr kooperieren.

"Der Präsident verkauft unser Land"

"Das ist nicht Integration, sondern Besetzung" und "Der Präsident verkauft unser Land" war auf den Bannern der Demonstranten in Minsk zu lesen. Einige hielten die EU-Flagge oder die der Opposition hoch.

Einer aktuellen Umfrage zufolge fordert die Hälfte der belarussischen Bevölkerung, dass ihr Land unabhängig von Russland bleibt. Gut zwei Drittel der Befragten wollen sich teilweise mit Russland vereinigen und gemeinsame politischen Institutionen bilden. Nur 7,7 Prozent wünschen sich eine vollständige Vereinigung.

Der Kreml dementiert seit Langem immer wieder, dass es Überlegungen für eine Vereinigung mit Belarus gebe. Russische Experten sehen eine Verbindung zu der Frage, was Putin 2024 machen wird. Die Verfassung verbietet ihm eine fünfte Amtszeit. Um weiter an der Macht zu bleiben, könnte Putin Oberhaupt eines vereinigten Staates aus Russland und Weißrussland werden.