Vor dem Beginn des Nato-Gipfels in London hat der Generalsekretär ein besseres Verhältnis der Bündnispartner zu Russland gefordert. "Wir müssen mit Russland reden, um unsere Beziehungen zu verbessern", sagte Jens Stoltenberg im Interview mit der ARD. Die Nato-Mitglieder rief der Norweger zu Geschlossenheit auf. Er erwarte Vertragstreue von allen Mitgliedstaaten – "auch von Frankreich", betonte Stoltenberg, der die Kritik des französischen Staatschefs Emmanuel Macron am Zustand der Nato energisch zurückwies.

Er sei zuversichtlich, dass bei der Tagung in London alle Staats- und Regierungschefs des Bündnisses, unter ihnen auch Macron, "ihr starkes Engagement zu unserer gemeinsamen Verteidigung bekräftigen werden. Einer für alle, alle für einen, Artikel 5." Artikel 5 sieht vor, dass im Falle eines Angriffs auf eines der Nato-Mitglieder eine einheitliche Reaktion von allen anderen Partnern erfolgt. Aufgrund dieser Regelung sei die Nato die "stärkste Militärmacht der Welt".

Macron hatte die Nato Anfang November als "hirntot" bezeichnet. Es gebe bei strategischen Entscheidungen keine Koordinierung zwischen den Nato-Ländern und den USA. Im Bündnis stieß die drastische Wortwahl des französischen Präsidenten auf Unverständnis. Offene Kritik an Macron äußerten osteuropäische Regierungen, weil der Präsident auch die Meinung vertrat, dass Europa sich selbst verteidigen könne. Viele osteuropäische Nato-Mitgliedstaaten sehen sich direkt durch Russland bedroht und wollen keinesfalls auf den Schutz der USA verzichten.

Später kritisierte Macron, es gebe innerhalb der Nato eine eklatante Kluft zwischen Finanzierungsdebatten und anderen wichtigen Fragen wie etwa dem Frieden in Europa oder der Beziehung zu Russland. "Ein wirkliches Bündnis besteht aus Aktion, Entscheidungen, nicht aus Worten. Deswegen möchte ich, dass wir einen wirklichen Dialog unter Verbündeten haben", hatte Macron nach einem Treffen mit Stoltenberg vor wenigen Tagen gesagt.

Differenzen überwinden

Vom Gipfel in London erwartet Stoltenberg trotz aller Differenzen in verschiedenen Fragen, dass alle "fest zusammenstehen". Zum Bündnis gehörten zwar 29 verschiedene Länder auf beiden Seiten des Atlantiks, mit unterschiedlichen Parteien in den Regierungen, sagte er. "Aber wir sind uns einig in der Hauptbotschaft: Wir stehen zusammen." In der Geschichte des Bündnisses habe es immer Differenzen unter den Partnern gegeben, ob in der Sues-Krise 1956 oder bei Frankreichs Teilausstieg 1966. "Aber wir waren immer in der Lage, diese zu überwinden."

Stoltenberg sprach sich in dem Interview zudem für bessere Beziehungen der Nato zu Russland aus, dem größten Nachbar der Nato-Staaten. "Wir sind für Rüstungskontrollgespräche mit Russland", fügte er zugleich hinzu. Deutschland sei bislang immer ein "sehr starker Befürworter für diesen zweigleisigen Ansatz im Umgang mit Russland" gewesen. "Und dieser Ansatz ist eben: Abschreckung kombiniert mit Dialog", sagte Stoltenberg.

Die Nato-Staats- und Regierungschefs kommen am Dienstag und Mittwoch in Großbritannien anlässlich des 70-jährigen Bestehens der Allianz zusammen.