US-Präsident Donald Trump hat die steigenden Verteidigungsausgaben der Bündnismitglieder begrüßt – und sie als Erfolg seiner eigenen Amtszeit gelobt. Auf Twitter schrieb er, seit er im Weißen Haus sitze, seien nicht nur die Verteidigungsausgaben der Bündnispartner um 130 Milliarden Dollar gestiegen, sondern auch die Zahl der Nato-Staaten, die ihre finanziellen Zusagen einhielten, hätte sich mehr als verdoppelt. In den drei Jahrzehnten vor seiner Wahl, so rechnete Trump vor, seien die Ausgaben dagegen um zwei Drittel zurückgegangen, und nur drei andere Nato-Staaten hätten ihre Finanzzusagen eingehalten.

Die Verteidigungsausgaben der Nato-Partner – und damit auch ihr Anteil am Budget der gemeinsamen Militärallianz – ist nur ein Thema, das die Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsstaaten bei ihrem Gipfeltreffen in der Nähe von London beraten werden. Eigentlicher Anlass ihres zweitägigen Treffens ist das 70. Gründungsjubiläum der Nato. Überschattet werden die Feierlichkeiten indes von der massiven Kritik von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Er hatte der Nato nach der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien und dem US-Abzug aus der Region den "Hirntod" bescheinigt und mehr europäische Eigenständigkeit gefordert.

Stoltenberg soll "Reflexionsprozess" anführen

Bundesaußenminister Heiko Maas hingegen bezeichnete das Bündnis als "quicklebendig". Dies hätten doch gerade die Diskussionen der vergangenen Wochen gezeigt, sagte er den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Wir sind eine Allianz aus Demokratien, wir scheuen Debatten nicht. Inhaltliche Debatten können unser Bündnis stärker machen", sagte der SPD-Politiker und rief zugleich zur Stärkung der Allianz auf. Die Nato stehe für "eine stabile, enge und durch Werte verbundene Allianz über den Atlantik hinweg". Dies wolle Deutschland mit seinen Verbündeten fortschreiben, und dem diene auch sein Vorschlag für einen "Reflexionsprozess unter der Ägide des Generalsekretärs" des Bündnisses, Jens Stoltenberg.

Maas hatte vor zwei Wochen die Einberufung eines Expertengremiums zur Zukunft der Nato gefordert – als direkte Replik auf die Kritik von Macron. Der vom Außenminister vorgeschlagene Reflexionsprozess soll nun auf dem Gipfel in London eingeleitet werden. Allerdings ist der entsprechende Auftrag in der sogenannten Londoner Erklärung nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur nur sehr vage formuliert. Auch ein Zeitrahmen wird demnach nicht genannt.

Distanz zu den USA und mehr Nähe zu Russland

In Deutschland geht derweil eine Mehrheit der Bürger klar auf Distanz zur Militärmacht USA: 55 Prozent der Befragten sagten in einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Deutschen-Presse-Agentur, die europäischen Nato-Staaten sollten sich künftig ohne Hilfe der Vereinigten Staaten vor Angriffen schützen. Fast genauso stark ist das Bedürfnis nach mehr Nähe zu Russland. 54 Prozent der Befragten meinen, die Nato sollte wieder stärker auf Zusammenarbeit mit Russland statt auf militärische Abschreckung setzen.