Die Nato begeht in London ihr 70-jähriges Jubiläum. Sie hat sehr viele und sehr gute Gründe zu feiern. Denn sie ist – nach wie vor – ein sehr erfolgreiches Verteidigungsbündnis. Das gerät im Augenblick in Vergessenheit, da im Bündnis so heftig und so öffentlich gestritten wird wie selten zuvor. Was sich Donald Trump, Emmanuel Macron und Recep Tayyip Erdoğan gegenseitig an den Kopf werfen, erinnert eher eine Keilerei im Schulhof als an eine Debatte zwischen Staatschefs.

Sei's drum!

Es sollte nicht vom Wesentlichen ablenken, nämlich der Frage, was die Nato so erfolgreich gemacht hat und wie sie es auch in Zukunft bleiben kann.

Die US-Außenpolitik war 70 Jahre lang berechenbar. Wer auch immer im Weißen Haus saß, ob ein Demokrat oder Republikaner, niemals kamen Zweifel darüber auf, dass die Bündnispartner sich auf die USA verlassen konnten. Das wirkte als Versicherung nach innen und als glaubwürdige Abschreckung nach außen. Die Gewissheit endete mit der Wahl Donald Trumps. Mehrmals sagte er, "sein eigenes Ding" machen zu wollen, sprich: die Nato zu verlassen. Seine Taten widersprechen allerdings seinen Worten. Die USA haben unter seiner Führung zusätzliche Truppen nach Osteuropa entsandt. Das ist ein Bekenntnis zur Nato. Auch in Washington ist man sich nämlich bewusst, dass sich der Bedeutungsverlust der USA als Weltmacht ohne westliches Verteidigungsbündnis noch beschleunigen wird. Möglich, dass Trumps Drohungen nur das Ziel haben, die anderen Bündnispartner dazu zu bringen, mehr für ihre Verteidigung zu tun. Das haben auch andere, weit europafreundlichere US-Präsidenten gefordert. Trotzdem, Trump ist nicht berechenbar. Wahrscheinlich weiß nicht einmal er, was er morgen machen wird.

Viele Europäer haben sich lange mit dem Gedanken getröstet, dass Trump nur ein Unfall der Geschichte sei. Nach vier Jahren wäre der Spuk vorbei, die USA würden sich wieder normalisieren. Doch jetzt, da es so aussieht, dass er die Wahl 2020 gewinnen könnte, wird klar, dass das nur ein Traum vergangener Zeiten war. Die Zeiten, in den die USA eine berechenbare Außenpolitik hervorbrachten, sind Vergangenheit.

Das beunruhigt die Europäer zu Recht. Denn sie wissen, dass sie sich ohne die USA nicht verteidigen können. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat das im Bundestag kürzlich recht unverblümt gesagt. Macron sieht das nicht anders, nur knüpft er an diese Erkenntnis Forderungen an die Europäer. Er will ihre Verteidigungsfähigkeit stärken.

Kein klares "Ja"

Soweit die Ausgangslage. Sie wirft für die Nato eine existenzielle Frage auf: Angenommen, die Europäer könnten sich selbst verteidigen, wozu braucht es dann noch die Nato? Dem freilich steht die Gegenfrage gegenüber. Könnten denn die Europäer das überhaupt je tun, sich selbst verteidigen? Dabei geht es weniger um ihre militärischen Möglichkeiten, sondern um den politischen Zusammenhalt. Könnten sich die Europäer außerhalb der Nato aufeinander verlassen? Können die Osteuropäer damit rechnen, dass sie von den Westeuropäern im Falle eines Konfliktes mit Russland verteidigt werden? Zweifel sind angebracht. Wäre Frankreich ein berechenbarer Partner? Wäre Deutschland berechenbar? Blickt man in die Geschichte weiter zurück als 70 Jahre, lässt sich die Frage nicht mit einem klaren "Ja" beantworten.

Die Berechenbarkeit der USA sowie die Unfähigkeit der Europäer sich zu verteidigen, das sind wohl die paradoxen Gründe für den Erfolg der Nato. Sie bedingten einander.

Nun werden die USA in Zukunft nicht mehr berechenbar sein und die Europäer etwas verteidigungsfähiger. Das erschüttert die Fundamente der Nato, einstürzen werden sie nicht.

Denn eine Erkenntnis bleibt: Die beiden brauchen einander. Gewiss, die USA brauchen die Europäer sehr viel weniger als umgekehrt. Aber der Wert der Europäer steigt in dem Moment, da ein anderer Akteur den USA die Führungsrolle als Weltmacht streitig macht. Wer das ist, das steht in der Abschlusserklärung des Nato Gipfels von London: China.