Der zweite Unsicherheitsfaktor ist die Türkei. Seit Längerem beobachten andere Alliierte mit Sorge, dass Ankara den Schulterschluss mit Russland sucht, also dem Land, das die Nato-Gemeinschaft eigentlich als Bedrohung ansieht. Die Türkei kauft russische Flugabwehrsysteme S-400, bremst Nato-Verteidigungsmaßnahmen im Schwarzen Meer und blockiert interne Nato-Prozesse. Das unterminiert aus Sicht anderer Alliierter das Bündnis. Harsche Kritik gab es an der türkischen Offensive in Nordsyrien im Herbst 2019. Aus Sicht vieler Alliierter, vor allem Frankreichs, schadet die Türkei mit dem Einsatz gegen die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) den Sicherheitsinteressen anderer Alliierter, denn die Offensive schwächt den Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat", bei dem die YPG eine wichtige Rolle spielt. Zusammen mit den autoritären innenpolitischen Entwicklungen verlässt die türkische Regierung damit für viele Staaten die Wertebasis, auf die sich die Nato als politisches Bündnis gern bezieht.

Und drittens ist da Frankreich. Obwohl Gründungsmitglied, hat es traditionell ein distanziertes Verhältnis zur Nato. So hatte Frankreich zwischen 1966 und 2009 die integrierten militärischen Strukturen aus Unzufriedenheit über die dominante Rolle der USA verlassen. In gaullistischer Tradition hat Präsident Macron kürzlich seine Nato-Kritik formuliert und mehr europäische militärische Souveränität gefordert. Militärisch würde die Nato zwar funktionieren, heißt es aus Paris. Aber das unkoordinierte Handeln der USA und das aggressive und nicht abgesprochene Vorgehen der Türkei zeigten deutlich, dass die Nato ein strategisches und politisches Problem habe: Sie sei hirntot.

Die meisten Alliierten stimmten zwar zu, dass es politisch gerade schwierig ist – aber die Diagnose Hirntod ging ihnen zu weit. Dass Präsident Macron außerdem zu neuen Verhandlungen mit Russland aufruft, alarmiert vor allem jene Alliierte, die für ihre Verteidigung mehr auf die Nato angewiesen sind als Frankreich und die Angst vor Russland haben, beispielsweise Polen. Auch die französische Forderung nach mehr europäischem Engagement teilen viele Alliierte zwar, befürchten aber, dass Paris damit eine Abwendung von den USA meinen könnte. 

Die Europäer dürfen sich nicht mehr verstecken

Die Lage vor dem Treffen in London ist daher angespannt. US-Präsident Trump könnte die unzureichenden Ausgaben der Europäer, vor allem Deutschlands, kritisieren und die Zusagen zu Europas Verteidigung, die praktisch existieren, politisch infrage stellen. Der türkische Staatschef Erdoğan könnte seine Kritik an anderen Alliierten wiederholen. Dem französischen Präsidenten attestierte er bereits den Hirntod.

Frankreichs Präsident Macron könnte auf eine Antwort auf seine Diagnose des politischen Zerwürfnisses drängen, fragen, wie viel die Wertebasis der Allianz mit dem Mitglied Türkei wert ist, und die verteidigungspolitisch zögerlichen Mitglieder wie Deutschland zu größerem Engagement auffordern. Macron erinnerte in einer Pressekonferenz mit Nato-Generalsekretär Stoltenberg daran, dass in der letzten Woche 13 französische Soldaten in einem Antiterroreinsatz in der Sahelzone gefallen sind. Einem Einsatz also, der zum Schutz ganz Europas beträgt, nicht nur Frankreichs. 

Klar ist: Wenn es zu einem Eklat kommt, leidet zuerst Europas Verteidigung. Denn Zweifel an der politischen Geschlossenheit der Nato unterminieren ihre militärische Glaubwürdigkeit: Wer nimmt öffentlich streitenden Alliierten ab, dass sie im Krisenfall tatsächlich füreinander einstehen?

Vielleicht geht aber auch alles gut und das Treffen endet harmonisch. Aber selbst dann haben sich die Alliierten lediglich Zeit gekauft und die schwierigen Debatten nur verschoben. Denn langfristig müssen sich die Nato-Staaten tatsächlich fragen, wie sie in Zukunft Europas Verteidigung organisieren wollen: Wie wollen sie umgehen mit der Unsicherheit über die zukünftige Rolle der USA, wie wollen sie ihre politischen Konflikte bearbeiten; wie können die Europäer ihre Verteidigungsfähigkeiten stärken; und ist die Nato ihren Aufgaben langfristig gewachsen oder muss man Europas Verteidigung gänzlich neu denken. So unbequem sie sind: Vor diesen Fragen dürfen sich die Europäer nicht mehr verstecken.