Der Mann, der in der Ostukraine Frieden schaffen will, trägt keinen Anzug, keinen Schlips und auch keine Camouflage, sondern Jogginghose und ein verschwitztes T-Shirt. Wenige Tage vor dem wohl wichtigsten Termin seiner bisherigen Amtszeit, seinem Treffen mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, schwingt sich Wolodymyr Selenskyj öffentlich auf das Laufband. Vom Fitnesscenter aus wendet sich der ukrainische Präsident in einem Facebook-Video an die Nation. "Dass das Treffen stattfindet, ist schon ein Sieg für die Ukraine", sagt er in die Handykamera. "Aber ich werde mir meiner Sache sicher sein, wenn ich weiß, dass mein Land hinter mir steht." 

Dass die politischen Auftritte des ehemaligen Fernsehkomikers das übliche Protokoll sprengen, ist bekannt. Vor acht Monaten wurde Selenskyj, der in der TV-Serie Sluha Narodu einen Geschichtslehrer mimte, der über Nacht zum Staatschef wurde, auch in der Realität mit sensationellen 73 Prozent zum Präsidenten der Ukraine gewählt. Nichts weniger als das Ende des Krieges in der Ostukraine hatte er in seinem Wahlkampf, der ebenso alle üblichen Protokolle sprengte, versprochen. In dem Konflikt stehen sich seit 2014 ukrainische Regierungstruppen und prorussische Separatisten im Erz- und Kohlerevier des Donbass gegenüber. Laut UN-Angaben wurden bisher mehr als 13.000 Menschen getötet.

An diesem Montag nun trifft Selenskyj in Paris zum ersten Mal mit seinem russischen Amts- und auch Namenskollegen – Wolodymyr ist die ukrainische Variante von Wladimir – zusammen. Das ist bemerkenswert, denn seit drei Jahren hat es kein Treffen im sogenannten Normandie-Format gegeben, bei dem die Staats- und Regierungschefs der Ukraine, Russlands, Frankreichs und Deutschlands den Konflikt in der Ostukraine bearbeiten. Das 2015 ausgehandelte Minsker Friedensabkommen hat die Kämpfe entlang der 500 Kilometer langen Frontlinie zwar begrenzt, aber nicht beendet. Der Friedensprozess um den Donbass ist so verfahren, dass es bereits als Erfolg gilt, wenn die Akteure wieder miteinander reden.

Streit um Sonderstatus für den Osten

Selenskyj, der rhetorisch abgerüstet hat und sich dialogbereit gibt, hat neue Hoffnungen geweckt. Doch der Wunsch nach Frieden ist in der Ukraine zwar groß, aber nicht bedingungslos. Laut einer Umfrage des Kiewer Fonds für demokratische Initiativen sind 69 Prozent der Ukrainer bereit, Kompromisse für eine Lösung einzugehen – aber nur 20 Prozent  "um jeden Preis". Als Selenskyj im Oktober der sogenannten "Steinmeier-Formel" zustimmte – eine Bedingung der russischen Regierung, dass es überhaupt zum Normandie-Format kommt – versammelten sich Tausende Ukrainer auf dem Maidan, um gegen die Umsetzung ("Ni kapituljatsiji!", dt.: "Nein zur Kapitulation!") zu demonstrieren. Die nach dem damaligen deutschen Außenminister benannte Formel knüpft Wahlen in den Separatistengebieten an einen Sonderstatus und sollte die Pattsituation im Friedensprozess auflösen – allerdings zugunsten der russischen und mit fehlenden Sicherheitsgarantien für die ukrainische Seite, wie viele finden. Selenskyj gab nach: Er werde keinesfalls Wahlen "unter Gewehrläufen" zulassen, kündigte er an. 

Gestritten wird zwischen den Regierungen in Kiew und Moskau um scheinbare Petitessen, die aber bedeutsam sind: Das Minsker Abkommen, das eine Roadmap für den Frieden sein sollte, wird von beiden Seiten unterschiedlich interpretiert. Vor allem, was den Ablauf betrifft: Grob gesagt will die ukrainische Regierung den Abzug der russischen Kämpfer und die Kontrolle über jene Staatsgrenze zu Russland zurück, über die derzeit die prorussischen Separatisten mit Nachschub versorgt werden, bevor es zu Wahlen in den abtrünnigen Gebieten kommen und das Gebiet wieder politisch in die Ukraine eingegliedert werden kann. In Moskau sieht man das umgekehrt: Zuerst Wahlen, dann erst alle Sicherheitsfragen. Für die Regierung von Selenskyj steht viel auf dem Spiel: Sie fürchtet, dass ein Sonderstatus à la Steinmeier die Gebiete zwar juristisch in die Ukraine integrieren würde – faktisch aber würde weiterhin Russland das Sagen haben, was wiederum die weitere Ausrichtung des Landes Richtung Westen blockieren könnte.