Doch wie gut stehen die Chancen überhaupt, dass neue Bewegung in den Friedensprozess kommt? Selenskyj setzt auf Annäherung, er hat einen Gefangenenaustausch mit Moskau verhandelt und an drei Stellen der Frontlinie seine Truppen abgezogen. "Doch Selenskyj hat zu viel in seine Friedensrhetorik investiert", sagt der Kiewer Politologe Oleksij Haran. Damit habe er sich selbst in Zugzwang gebracht, obwohl er ohne Russland, das die prorussischen Separatisten maßgeblich militärisch, personell und finanziell unterstützt, nicht weit kommt. "Alle Trümpfe liegen in Putins Händen", sagte der russische Politologe Wladimir Frolow in der Moscow Times. "Man kann den Krieg beenden, aber nur zu Moskaus Bedingungen." Der regierungsnahe Moskauer Politologe Fjodor Lukjanow sagt: "Russland hat natürlich ein Interesse am Friedensprozess, aber die Frage ist für Russland nicht so dringlich wie für Selenskyj." Die Regierung in Moskau könne noch warten.

Erschwerend kommt für Selenskyj hinzu, dass sich Russland im Donbass nicht als Konfliktpartei, sondern als Vermittler sieht, obwohl es von Anfang an den Krieg geschürt hat. Es ist die Quadratur des Kreises, die den Friedensprozess in der Ostukraine seit je her lähmt: Eine tragbare Lösung zu finden, mit der die Ukrainer leben können, ohne vor Russland einzuknicken. Diese Aufgabe wird auch für Selenskyj schwer zu lösen sein. Die russische Seite ist im Vorfeld des Gipfels jedenfalls nicht mit vertrauensbildenden Maßnahmen aufgefallen: Einerseits forderte der russische Außenminister Sergej Lawrow zuletzt, die Regierung in Kiew möge doch fortan direkt mit den Separatistenführern verhandeln – ein diplomatisches No-Go für Selenskyj. Andererseits haben die Separatisten in Donezk ein Gesetz erlassen, das die Zuständigkeit der selbsternannten "Donezker Volksrepublik" nicht nur auf das besetzte Gebiet, sondern auf den gesamten Oblast, inklusive des ukrainisch kontrollierten Teils, ausweitet. Schwer vorstellbar, dass dieser Schritt nicht vorher mit Russland abgestimmt wurde.

Hinzu kommt, dass der Druck auf Russland schon einmal größer war: Der Gastgeber des Treffens, Emmanuel Macron, tadelte zuletzt die Nato als "hirntot", machte sich für einen Neustart des Verhältnisses mit Russland stark und schmeichelte Wladimir Putin mit der Aussicht auf eine neue europäische Sicherheitsordnung ohne die USA. Auch, wenn der deutsche Außenminister Heiko Maas die Initiative von Selenskyj lobte und die russische Seite zu einem stärkeren Entgegenkommen aufforderte – das weltpolitische Momentum scheint derzeit eher auf Putins Seite zu sein. "Warum also sollte Putin einlenken?", fragt dementsprechend der russische Politologe Frolow. 

Was also kann in Paris erreicht werden? Es sei wohl kein "Fenster ", sondern nur ein "Fensterchen", das sich auftun könnte, um den Krieg zu beenden, sagt der Kiewer Politologe Wolodymyr Fesenko im Gespräch mit ZEIT ONLINE. "Worauf könnte man sich einigen? Auf einen weiteren Teilabzug der Truppen, einen Gefangenenaustausch oder eine Feuerpause." Der kleinste gemeinsame Nenner für beide Seiten. Und der Krieg? Andrij Jermak, der außenpolitische Berater Selenskyjs, fand dazu bei einer Veranstaltung in London klare Worte zu einem Plan B für den Fall, dass die Gespräche scheitern: "Wenn wir von russischer Seite keine Bereitschaft sehen, das Minsker Abkommen umzusetzen und Frieden zu schaffen, dann werden wir – dem Beispiele Israels folgend – eine Mauer bauen und wohl damit leben müssen", sagte Jermak. "Wir werden nicht noch weitere Jahre warten."