Pappfische gegen Populismus – Seite 1

Sind es Zehntausende Menschen? Hunderttausend? Oder mehr? Die Piazza San Giovanni, einer der größten Plätze Roms, ist jedenfalls voll an diesem Nachmittag. Voller Menschen und voller Fische, aus Pappe oder Holz werden sie von Demonstrantinnen und Demonstranten hochgehalten; Fische, geheftet an Hüte, Jacken oder Kinderwagen; Fische mit der Aufschrift: "Rom beißt nicht an".

Exakt einen Monat nach ihrer Entstehung hat sich die Bewegung der "Sardinen" in Italiens Hauptstadt zu ihrer bisher größten Kundgebung versammelt. Wie bei jedem jener Flashmobs, die in den letzten 30 Tagen in bisher 75 Städten abgehalten wurden, von Turin bis Palermo, von Mailand bis Neapel: Gymnasiasten und Studentinnen, Lehrerinnen und Metallarbeiter, Rentner oder Bankangestellte, sie alle scheinen vor allem in guter Laune vereint.

Losgegangen war es in Bologna am 14. November. Matteo Salvini, Chef der rechtspopulistisch-fremdenfeindlichen Lega und als Innenminister bisher vor allem mit seiner Politik der geschlossenen Häfen aufgefallen, hatte zu einer Kundgebung in der norditalienischen Stadt aufgerufen. Denn in der Emilia Romagna, die wie ihre Hauptstadt Bologna seit jeher links regiert wird, stehen am 26. Januar Regionalwahlen an; Salvini rechnet sich beste Chancen aus, die rote Stadt mit seiner "Italiener zuerst!"-Rhetorik zu erobern.

Zehntausende gegen Salvini

Salvini pokerte hoch in Bologna und mietete den PalaDozza, eine Sportarena, die 5.600 Menschen Platz bietet. Doch vier junge Leute pokerten höher: Mattia Santori, Andrea Garreffa, Giulia Trappoloni und Roberto Morotti. Die vier, alle Anfang 30, gruselte es angesichts der Vorstellung, ihre Region und ihre Stadt könnten in die Hände der rabiaten Rechtspopulisten der Lega fallen. Bei einem Mittagessen der vier, die sich aus gemeinsamen Unizeiten kennen, entstand ein Plan: Parallel zu Salvinis Kundgebung riefen sie zum Flashmob der Sardinen auf Bolognas größtem Platz auf, der Piazza Maggiore. Sardinen deshalb, weil sie ebenso dicht gedrängt wie die kleinen Fische dort stehen wollten. Wer teilnehmen wollte, sollte sich einen Fisch basteln. "6.000 Sardinen" nannten sie ihre Facebook-Seite. Sie hatten durchaus den Ehrgeiz, mehr zu sein als die geplanten 5.600 Anhänger Salvinis in der Sportarena.

Eines stellten die Gründer schon in ihrem Aufruf klar: Völlig gewaltlos sollte ihr Protest sein, auch verbal. Parteifahnen sind nicht erwünscht. Und die Rechnung ging auf, ja mit gut 12.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden alle Erwartungen übertroffen. Tausende schmetterten mit leuchtenden Augen das alte Partisanenlied Bella Ciao. Tausende hielten strahlend ihre Pappfischlein in die Höhe.

Mit dem Flashmob, der als lokales wie spontanes Event entstanden war, hatten die vier unversehens eine nationale Bewegung ins Rollen gebracht. Tag für Tag trafen sich nun Menschen quer durchs ganze Land. In Turin kamen vergangene Woche 40.000 zusammen, auch in Mailand waren es Zehntausende. In kleineren Städten wie Rimini waren im November wohl rund 7.000 Menschen auf dem Platz, auch hier vereint vor allem durch gute Laune und das Gefühl, als sei ihnen ein gemeinsamer Stein vom Herzen gefallen. Denn in den vergangenen Monaten schien es regelmäßig so, als könne nur noch Salvini mit seiner Hasspropaganda Plätze und Sporthallen füllen und als sei jedwede Opposition gegen ihn völlig gelähmt. 

"Kopf statt Bauch" als Maxime

Gewiss, bei den Kundgebungen des Lega-Chefs rückten immer wieder radikal linke Protestierer an, lärmten am Rand herum, versuchten, Polizeisperren zu durchbrechen. Doch Salvini kam das gerade recht. Er verhöhnte die Störer als "Zecken", als linke, von Papa ausgehaltene Faulpelze, die mal arbeiten gehen sollten. Und die Lega-Fans konnten höhnen.

Solche tristen Rituale wollten die vier Sardinen-Gründer durchbrechen. Anstatt am Rande der Salvini-Kundgebungen so militanten wie kraftlosen Protest zu artikulieren, wollten sie sich an einem anderen Ort treffen – ohne direkten Kontakt zu Salvini und den Seinen, dafür mit dem leicht vermessenen Anspruch, mehr zu sein, vor allem aber: anders. "Kopf statt Bauch" lautet eine der Maximen der Bewegung, die sich als Bollwerk gegen den Vormarsch des Populismus versteht, "kritisches Denken" statt "Beleidigungen und Gewalt" propagiert und so der "tristen populistischen Epoche, die schon viel zu lange dauert", ein Ende setzen will. 

Gruppentherapie mit "Bella Ciao" und Nationalhymne

Außerdem gilt, dass die Bewegung die Verfassung hochhält und Antifaschismus ebenso wie Antirassismus zu ihren Grundwerten zählt. Auf den Vorwurf, das sei doch kein Programm, gibt Gründer Santori zurück, darum gehe es auch gar nicht. Die Sardinen wollten schließlich nicht selbst zu Wahlen antreten – sondern sich dem Durchmarsch der Lega und der Verrohung der politischen Kultur entgegenstemmen.

Wie Tausende auf den Plätzen hingebungsvoll Bella Ciao und immer wieder auch die Nationalhymne singen, hat durchaus etwas von Gruppentherapie. Quer durch die Generationen, von Teenagern über Familien mit Kleinkindern bis hin zu Rentnern jenseits der 70 vergewissert sich da das andere, linke, liberale Italien seiner Existenz und macht sich Mut. Auf der Piazza San Giovanni in Rom kamen wohl 100.000 Menschen zusammen, auf allen Kundgebungen des letzten Monats quer durch Italien waren es etwa eine halbe Million, die bei den Flashmobs der aus dem Nichts geborenen Sardinen-Bewegung mitwirkten.

Der erste Monat ist nun vorbei, die "Phase eins abgeschlossen", wie Mattia Santori sagt. Am Sonntag wollen 160 Vertreterinnen und Vertreter der örtlichen Sardinen-Initiativen, die sich quer durchs Land gegründet haben, in Rom darüber beraten, wie es weitergehen soll in der "Phase zwei".