Als Myra* 13 Jahre alt ist, nimmt sich ihre beste Freundin das Leben. Ohne Vorankündigung. Myra fühlt sich alleingelassen. Gibt sich die Schuld am Suizid der Freundin. Mit 15 Jahren versucht Myra selbst zum ersten Mal, sich umzubringen. Sie spricht von zahlreichen Suizidversuchen, die folgen, genauer möchte sie nicht werden. Im vergangenen Jahr verliert Myra eine weitere Freundin – wieder ist es ein Suizid. In der Nacht davor hatten die beide noch SMS ausgetauscht. "Nach ihrem Tod habe ich mich leer gefühlt", sagt die heute 18-Jährige. Wieder Selbstvorwürfe, wieder Depression. Wieder ein Suizidversuch. Es ist der vorerst letzte.

Myra erzählt ihre Geschichte nüchtern. Wie etwas ganz Normales, Alltägliches. Im Pine Ridge Reservat in South Dakota, wo Myra lebt, haben fast alle Bekannte oder Verwandte, die sich das Leben genommen haben. Schon vor vier Jahren geriet Pine Ridge in den Fokus der US-Medien, nachdem dort innerhalb von vier Monaten neun indigene Jugendliche und junge Erwachsene Suizid begangen hatten. Von einer Epidemie war damals die Rede. Reporter streiften durch das abgelegene Reservat in der Prärie, berichteten über die Armut, den Alkoholmissbrauch und die Arbeitslosigkeit, die den Jugendlichen die Lebensperspektiven rauben.

Das Medienecho verhallte

Mehr als die Hälfte der Familien mit Kindern im Pine Ridge Reservat lebt unter der staatlich definierten Armutsgrenze, die Arbeitslosigkeit beträgt nach Angaben der Stammesleitung rund 80 Prozent. Alkoholismus und Drogenkonsum sind weit verbreitet. Das Reservat mit seinen knapp 45.000 Einwohnern galt schon 2015 als Zentrum des Elends der US-amerikanischen Ureinwohner. Und dann verhallte das Medienecho schnell wieder.

Doch die Probleme in Pine Ridge blieben. 19 Suizide haben die Sozialarbeiterinnen Tiny DeCory und Eileen Janis im Jahr 2018 gezählt. 16 davon betrafen Jugendliche unter 18 Jahren. Dazu kamen 478 Suizidankündigungen und -versuche.

Und auch im Rest des Landes sind die Suizidraten in der nordamerikanischen Urbevölkerung gestiegen. Im Juni sorgte die US-Bundesbehörde für Seuchenkontrolle mit einer alarmierenden Studie zu Suiziden unter verschiedenen ethnischen Gruppen im Land für Aufsehen. Zwischen 1999 und 2017 stieg die Rate in der indigenen Bevölkerung um 139 Prozent bei Frauen und um 71 Prozent bei Männern. In der Altersgruppe zwischen 14 und 25 Jahren war die Suizidrate unter indigenen Männern in etwa doppelt so hoch wie bei Weißen und dreimal so hoch wie bei Asiaten und Schwarzen in den USA. Zum ersten Mal belegen offizielle Daten das Ausmaß des Problems.

Auch in Pine Ridge ist die Situation in den vergangenen Jahren eher noch schlimmer geworden, berichten DeCory und Janis. Die beiden betreuen seit Jahren im Rahmen des von ihnen gegründeten Bear Projects suizidgefährdete Jugendliche. Nach 2015 habe es zwar staatlich finanzierte Programme gegeben, mit denen Lehrer und Jugendbetreuer für das Thema Suizid sensibilisiert wurden, doch die Finanzierung sei nach zwei Jahren ausgelaufen, erzählen sie. So geriet die Suizidkrise im Reservat wieder in Vergessenheit.

* Um die Privatsphäre der Protagonistin zu schützen, haben wir ihren Namen geändert.