Der britische Premierminister Boris Johnson hat sich bei einem Auftritt im Norden Englands als Wahlsieger feiern lassen. "Ihr habt die politische Landkarte verändert", rief er Anhängerinnen und Anhängern bei einem Auftritt in einem Cricketclub im nordenglischen Sedgefield zu. "Wir werden uns unser nationales Selbstbewusstsein zurückholen", sagte Johnson: "Es brechen wunderbare Zeiten für unser Land an." Wie schon im Wahlkampf sagte der Premierminister zudem Investitionen in Infrastruktur, Schulbildung und moderne Technologie zu und stellte Freihäfen und Freihandel in Aussicht.

Die Konservativen hatten bei der Abstimmung am Donnerstag 47 Sitze dazugewonnen und verfügen damit über die absolute Mehrheit im britischen Unterhaus. Johnsons Tories hatten auch Wahlkreise in ehemaligen Bergarbeiter- und Industrieregionen gewonnen, die seit Jahrzehnten in fester Hand der Arbeiterpartei Labour gewesen waren.

Deren Chef Jeremy Corbyn wurde aufgefordert, Verantwortung für die schwerste Niederlage seiner Partei seit mehr als 80 Jahren zu übernehmen und zurückzutreten.

Die abgewählte Labourabgeordnete Anna Turley sagte dem Radiosender BBC Radio 4, in ihrem Wahlkreis sei Corbyn das größte Problem gewesen. Leute, die ihr Leben lang Labour gewählt haben, hätten gesagt: "Ich kann einfach nicht dafür stimmen, dass der Mann Premierminister wird." Auch der frühere Labourinnenminister David Blunkett machte in der Daily Mail Corbyn und seine Berater für das verheerende Ergebnis verantwortlich. Er schrieb: "Keine Reue, keine Entschuldigung von Jeremy Corbyn." Dabei verwendete er einen alten Spruch: "Im Namen Gottes: geh! - Und geh schnell."

Corbyns Söhne verteidigten ihren Vater auf Twitter. Dieser sei von seinen Gegnern auf gemeine Weise angefeindet worden. Corbyn selbst sagte, er habe alles getan, um die Partei gut zu führen. Statt wie ursprünglich angekündigt den nötigen Reflexionsprozess als Parteichef zu begleiten, will er Anfang Januar zurücktreten.

Schotten dringen auf Unabhängigkeitsreferendum

Das starke Abschneiden der Tories kann als Bekräftigung von Johnsons Brexit-Kurs gesehen werden. Der Premier will das Vereinigte Königreich zum 31. Januar aus der EU führen. Derweil bekräftigte er seine Ablehnung gegenüber Schottland, das auf ein weiteres Unabhängigkeitsreferendum dringt. In einem Telefonat mit der schottischen Regierungschefin Nicola Sturgeon erteilte er deren Plänen eine Absage, wie ein Regierungssprecher sagte.

Sturgeon, die den Konservativen mit ihrer Schottischen Nationalpartei (SNP) mehrere Parlamentssitze abnahm, will trotzdem ein Referendum vorbereiten. Johnson müsse das Recht der Schotten auf Selbstbestimmung respektieren, sagte sie. Bei einem Referendum 2014 hatte sich die Mehrheit der Schottinnen für einen Verbleib im Vereinigten Königreich ausgesprochen. Mit dem EU-Austritt, den die Schotten mehrheitlich abgelehnt haben, habe sich die Lage aber geändert, argumentierte die Regierungschefin.

Der Gründer der Brexit-Partei, Nigel Farage, warnte Johnson davor, mit seiner komfortablen Mehrheit und unter internationalem Druck einen weichen Brexit anzustreben. Er werde dann wieder Druck machen, sagte er. Farages Partei erhielt bei der Wahl zwei Prozent der Stimmen und damit keinen Sitz im Parlament.