Russland und die Ukraine erwägen nach Angaben des Büros vom ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj einen weiteren Gefangenenaustausch. In einem Gespräch mit dem Kremlchef Wladimir Putin hätten beide Präsidenten vereinbart, "schnell eine Einigung über Listen für die Freilassung von Ukrainern auf der Krim und in Russland sowie in der Ukraine festgehaltenen Russen zu erzielen", teilte Selenskyjs Büro mit

Der Kreml erwähnte derartige Verhandlungen in einer eigenen Mitteilung zu dem Telefonat nicht. Er begrüßte lediglich den jüngsten Gefangenenaustausch vom Sonntag und unterstrich die "Notwendigkeit", die Umsetzung der Minsker Abkommen voranzutreiben. Die 2015 unter Vermittlung Deutschlands und Frankreichs geschlossenen Vereinbarungen sollten den Konflikt in der Ostukraine befrieden, zentrale Punkte sind aber bis heute von beiden Konfliktparteien nicht umgesetzt worden.

Die ukrainische Regierung und die Separatisten in den selbst ernannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk im Osten des Landes hatten am Sonntag erstmals seit 2017 wieder Gefangene ausgetauscht und damit Hoffnungen auf eine Entspannung des seit bald sechs Jahren andauernden Konflikts genährt. Insgesamt tauschten beide Seiten 200 Gefangene aus. 

Übergabe mutmaßlicher Maidan-Schützen erregte Unmut

Die Entscheidung blieb in der Ukraine nicht unumstritten: Unter ihnen befanden sich offenbar fünf mutmaßliche Schützen vom Maidan, die 2014 zur Sondereinsatztruppe Berkut gehört hatten. Der Prozess gegen sie wurde einen Tag vor dem Austausch überraschend eingestellt. Weiterhin sollen mehrere bereits verurteilte Terroristen unter den Gefangenen sein, die die Ukraine an die Separatisten übergeben hatte.

Selenskyj zufolge war die Übergabe der ehemaligen Berkut-Agenten eine Bedingung Russlands für den Austausch. "Ich würde 100 von ihnen übergeben, wenn ich sie hätte. Unsere Priorität ist die Rückkehr unserer Leute", kommentierte er die Entscheidung. Zu den Wahlversprechen des erst im April gewählten Präsidenten gehörte es, gefangene Soldaten und Zivilisten zurückzubringen.

In den vergangenen Monaten hat es bereits mehrere Zeichen für eine leichte Entspannung des schwer belasteten Verhältnisses zwischen der Ukraine und Russland gegeben. So gab Russland im November der Ukraine drei Marineschiffe zurück, welche die russische Küstenwache ein Jahr zuvor in der Straße von Kertsch nahe der Krim beschlagnahmt hatte.

Der Gefangenenaustausch vom Sonntag war Anfang des Monats bei einem Gipfeltreffen in Paris vorbereitet worden, wo Putin und Selenskyj erstmals persönlich zusammentrafen. Auf dem Treffen war eine Waffenruhe bis Jahresende sowie eine weitere Zusammenkunft im Normandie-Format, also abermals unter der Beteiligung Deutschlands und Frankreichs, vereinbart worden.

Kurz vor dem Telefonat der beiden Staatschefs ist ein weiterer wichtiger Streitpunkt beigelegt worden: Nach tagelangen Verhandlungen unterschrieben der russische Staatskonzern Gazprom und der ukrainische Energieversorger Naftogaz eine Vereinbarung für den Transit russischen Gases durch die Ukraine nach Europa. Der derzeitige Vertrag läuft mit dem Jahresende aus. 

Bürgerkrieg seit sechs Jahren

Der Konflikt in der Ostukraine belastet das Verhältnis zwischen beiden Staaten, ebenso wie die international nicht anerkannte Eingliederung der Krim in die Russische Föderation, seit 2014. 

Die Regierung in Kiew und westliche Länder werfen Russland seit 2014 vor, die Separatisten in der Ostukraine finanziell und durch Waffenlieferungen zu unterstützen. Hinweise darauf bieten unter anderem Satellitenbilder, etwa von russischen Waffensystemen im Besitz der Separatisten und das im Juli 2014 über dem Gebiet abgeschossene Passagierflugzeug. Unabhängigen Untersuchungen zufolge soll es von einer Rakete aus russischer Produktion abgeschossen worden sein. Russland bestreitet die Vorwürfe.