Adnan Tabatabai ist Mitgründer und Geschäftsführer des Center for Applied Research in Partnership with the Orient (Carpo) in Bonn, lehrt an der Universität Düsseldorf und hat das Buch "Morgen in Iran. Die Islamische Republik im Aufbruch" geschrieben. Als Iran-Experte berät er europäische Politik und Wirtschaft. Im Interview spricht er darüber, welche Folgen die Tötung des iranischen Generals Kassem Soleimani durch einen gezielten US-Raketenangriff in Bagdad haben könnte: für Iran selbst, die Region und die Beziehungen Irans zum Westen.

ZEIT ONLINE: Herr Tabatabai, in Iran haben an diesem Sonntag die Trauerzeremonien zu Ehren des von den USA getöteten Generals Kassem Soleimani begonnen. Bis zur Beisetzung am kommenden Dienstag soll Soleimanis Sarg durch mehrere Städte getragen werden, damit die Menschen öffentlich um den General trauern können – eine solche Prozession gab es in der Islamischen Republik noch nie, nicht einmal für Ajatollah Chomeini nach dessen Tod 1989. Empfinden die Menschen in Iran Soleimanis Tod als vergleichbaren Verlust?

Tabatabai: Ein großer Teil der iranischen Bevölkerung hat Soleimani verehrt. Schon die ersten Bilder zeigen, dass Millionen im ganzen Land zu den Trauermärschen kommen. Das ist schon mit den Massenkundgebungen nach dem Tod von Ajatollah Chomeini vergleichbar.

ZEIT ONLINE: Warum war der General so beliebt?

Tabatabai: Soleimani hat den Terror des sogenannten Islamischen Staats und ganz generell kriegerische Handlungen von iranischem Territorium ferngehalten. Das ist der ganz pragmatische, sicherheitspolitische Grund. Hinzu kommt, dass Soleimani ganz verschiedene Strömungen im Land in seiner Person repräsentierte: Religiös verkörperte er einen schiitischen Islam, politisch einen gegen die USA gerichteten Antiimperialismus und Nationalismus. Innenpolitisch hat er sich hingegen eher zurückgehalten. Damit erreichte er ein breites politisches Spektrum. Im Ausland wurde er natürlich ganz anders gesehen.

ZEIT OLINE: Was bedeutet sein Tod politisch für Iran?

Tabatabai: Fangen wir damit an, was er nicht bedeutet. Soleimani hinterlässt kein Machtvakuum. Er war zwar eine wichtige Figur innerhalb des Militärapparats. Aber diese Strukturen sind sehr stark institutionalisiert, da bricht jetzt nichts weg. Die Ausführungen, er sei der zweitmächtigste Mann im Land, sind völlig übertrieben, er war auch nie Präsidentschaftskandidat und noch weniger ein möglicher künftiger Revolutionsführer.

Insgesamt werden sich die Kriege zuspitzen, die es in der Region ohnehin schon gibt, und die Lage wird dort noch komplizierter. Aber ich sehe keinen dritten Weltkrieg.

ZEIT ONLINE: Was war er dann?

Tabatabai: Soleimani war ganz wichtig für die Entwicklung der sicherheitspolitischen Strategie Irans im Mittleren Osten. In dem Bereich hat er seine eigenen Entscheidungen getroffen, und die konnten auch im Widerspruch zur Haltung des Präsidenten stehen. Wenn so jemand in einer hochgradig fragwürdigen Militäroperation in einem dritten Land gezielt über einen Drohnenangriff getötet wird, dann ruft das in Iran natürlich großen Aufruhr und Abscheu gegenüber der US-Politik hervor – und zwar in einem Ausmaß, das die iranische Führung alleine gar nicht provozieren könnte. Dass US-Präsident Donald Trump jetzt noch per Twitter androht, iranische Kulturstätten und andere Ziele zu bombardieren, macht es noch schlimmer.

ZEIT ONLINE: Wie wird Irans Regierung darauf reagieren?

Tabatabai: Kurzfristig wird sie wohl Akte der Blutrache verüben. Mittel- und langfristig wird sie ihr Ziel, die USA aus dem Mittleren Osten zu vertreiben, vor allem aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft, noch stärker verfolgen. In welchem Zeithorizont das geschehen wird und wo genau, ist nicht klar, und Iran wird mit dieser Unsicherheit auch ganz gezielt spielen. Darin liegt eine besondere Gefahr. Insgesamt werden sich die Kriege zuspitzen, die es in der Region ohnehin schon gibt, und die Lage wird dort noch komplizierter. Aber ich sehe keinen dritten Weltkrieg. 

ZEIT ONLINE: Akte der Blutrache – was heißt das konkret?