Als Angela Merkel und Recep Tayyip Erdoğan in Istanbul ans Rednerpult treten, wirkt es für einen Moment tatsächlich so, als hätte eine schöne neue Zeitrechnung begonnen. Türkische und deutsche Flaggen hängen einträchtig beisammen, die Bühne ist mit Blumenkränzen geschmückt, draußen strahlt die Sonne. Die deutsche Kanzlerin und der türkische Präsident feiern die Eröffnung des neuen Campus der Türkisch-Deutschen Universität.

Weit weg erscheinen in diesem Moment die Tage, in denen der türkische Präsident der Bundesregierung "Nazimethoden" vorwarf. Weit weg erscheinen auch die Tage, in denen die Bundesregierung den türkischen Tourismus und die türkische Wirtschaft bedrohte, indem sie Reisehinweise verschärfte und Bürgschaften für Unternehmen überprüfte. Zum Abschluss der Eröffnungszeremonie bekommt Merkel sogar einen vergoldeten Spiegel geschenkt. Für Erdoğan gibt es einen verzierten, osmanisch anmutenden Helm.

Die Eröffnung der Deutsch-Türkischen Universität ist in der Tat ein Erfolg der Diplomatie und einer Vielzahl beherzter und motivierter Menschen. Doch wie so oft bei besonders herrlichen Terminen ist bei Weitem nicht alles so rosig, wie es den Anschein machen soll. Merkel ist nicht nach Istanbul gekommen, um den Campus zu eröffnen. Sie ist gekommen, um mit Erdoğan über Geopolitik zu sprechen und vor allem um den Erhalt des Flüchtlingsabkommens zwischen EU und Türkei zu sichern.

"Ein doppeltes 2015"

Im Jahr 2019 kamen rund 60.000 Migranten über die Türkei auf die griechischen Inseln, doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Würde das Abkommen funktionieren, würde das nicht passieren. Die türkische Küstenwache lässt mehr Menschen durch, so geht das Gerücht, eine Machtdemonstration des türkischen Präsidenten. Der will, dass Europa endlich selbst mehr Verantwortung für Flüchtlinge übernimmt und seine Zusagen an die Türkei einhält. Das Land beherbergt schließlich mehr als 3,6 Millionen Menschen allein aus Syrien, deutlich mehr als ganz Europa.

In Europa geht kaum etwas voran. Die Migrationskrise offenbart die Grenzen der Solidarität der Gemeinschaft. Bis heute ist es der EU nicht gelungen, einen fairen Verteilungsmechanismus unter den Mitgliedstaaten zu etablieren. Die Migrantinnen und Migranten, die in Griechenland ankamen, blieben deshalb fast ausnahmslos dort. Und darin liegt diplomatische Sprengkraft.

"Wenn man die Zahlen hochrechnet, lässt sich die Belastung für Griechenland mit der Belastung Deutschlands während der großen Flüchtlingskrise vergleichen", sagt Gerald Knaus. Der Politikberater gilt als Architekt des Flüchtlingsabkommens – und warnt, dass die Zahlen 2020 noch höher sein könnten. "Griechenland erwartet ein doppeltes 2015", sagt Knaus. "Wenn jetzt nichts passiert, versinkt Athen im Migrationschaos."