Zu Lebzeiten war Kassem Soleimani ein gefährlicher Mann: Mastermind iranischer Expansion und Aggression in der Region, verantwortlich für den Tod von Zehntausenden in Syrien, im Irak und kaum beschränkt darüber hinaus, vom Libanon bis zum Jemen – "und er plante, noch viele weitere zu töten", auch damit dürfte US-Präsident Donald Trump recht haben, der auf Twitter seine Anweisung zum gezielten Luftangriff auf den mächtigen General rechtfertigte.

Überall dort, wo das iranische Regime seinen Einfluss in den vergangenen Jahren gewaltsam geltend machte, gab der Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden die Befehle. Aus dem Pentagon hieß es, der Schlag diene der Abschreckung künftiger iranischer Angriffspläne, es sei eine entschiedene Verteidigungsmaßnahme, um US-Personal im Ausland zu schützen. Soleiman auszuschalten mag deshalb die gerechte Strafe für einen ruchlosen Kriegsverbrecher sein. Ein Akt der Vergeltung, den nun viele Amerikaner, aber auch Syrer und Iraker feiern, beileibe nicht alle. Doch jenseits dieses fragwürdigen Rachemotivs: Hat das Attentat die Vereinigten Staaten sicherer gemacht? Oder das Potenzial, im Nahen Osten irgendetwas zum Besseren zu wenden?

Es fällt zunächst schwer, diesen riskanten Schritt in analytischen Kategorien zu diskutieren, die man der aktuellen US-Regierung eigentlich ohnehin nicht mehr zutraut. Dass Trump den Angriff als Teil einer größeren Strategie für die Region und ihre Konflikte angeordnet hat, erscheint eher unwahrscheinlich. Er rühmt sich allzu oft dafür, auf den Rat von Experten nichts zu geben. Gegenüber einem etablierten Prozess der Entscheidungsfindung, Folgenabschätzung und Planung steht ein Präsident, der offensichtlich glaubt, allein er selbst wisse alles am besten – und dessen Horizont intellektuell äußerst schmal und vor allem von Emotionen und Instinkten geprägt erscheint. Und der so zumindest Gefahr läuft, im Zweifel zu schnell auf den falschen Rat zu hören. Wer sich die Ukraine-Affäre noch einmal vor Augen führt, die zum Gegenstand von Trumps Impeachment wurde, kann so leicht nicht mehr glauben, dass in der US-Außenpolitik noch etwas geordnet zugeht. Der kann eigentlich gar nichts mehr glauben.

Raketenangriff - Drohende Eskalation im Iran Nach der Tötung des Generals Kassem Soleimani durch das US-Militär verschärft sich die Situation im Iran. Präsident Hassan Rohani kündigte Widerstand gegen die USA an. © Foto: Reuters TV

Trotz aller Drohungen

Dabei ist es durchaus richtig, dass die Tötung Soleimanis eine Folge zunehmender Provokationen des Iran war, von denen sich der US-Präsident in letzter Konsequenz noch nicht zu drastischen Schritten hinreißen ließ, trotz aller Drohungen – was das Regime womöglich noch ermutigte. Um nur die gravierendsten Eskalationen zu nennen: der Abschuss einer US-Drohne über dem Golf vergangenen Sommer, nach dem Trump noch in letzter Minute einen bereits eingeleiteten Vergeltungsschlag zurückzog; der Angriff einer schiitischen Miliz auf eine US-Basis im Nordirak nach Weihnachten, bei dem ein Amerikaner getötet wurde und auf den die USA mit Luftangriffen reagierten; oder eben zuletzt der Sturm schiitischer Milizen auf die US-Botschaft in Bagdad, dessen Ursprung ebenfalls in Teheran zu suchen ist.

Aber ist den Beteuerungen von US-Außenminister Mike Pompeo zu trauen, weitere unmittelbar bevorstehende Angriffe, die das Leben "Dutzender oder gar Hunderter" US-Bürger gefährdet hätten, habe man verhindert mit der Entscheidung, Soleimani "vom Schlachtfeld zu entfernen"? Irak, Afghanistan – das Vertrauen in amerikanische Begründungen für militärische Interventionen ist ohnehin schon lange angeschlagen. Unter Trump sind die Zweifel nur noch angemessener. Wenn Pompeo also behauptet: "Die Welt ist heute ein viel sicherer Ort", dann ist das schwer zu schlucken. Ein Schlächter weniger, das mag stimmen. Alles andere ist unsicher. Die Gefahr, für die der iranische General stand, ist keineswegs neutralisiert, sie ist mit diesem Akt eher gestiegen.

Der Verdacht, Trump habe auch dies mal mit begrenzter Weitsicht, nur aus einem Impuls heraus gehandelt, wird verstärkt durch die fehlende Kommunikation seiner Regierung: Weder führende Politiker im Kongress wurden über den Angriff informiert – wohl mit Ausnahme des republikanischen Senators Lindsey Graham, dem der Präsident in seinem Ressort in Florida davon erzählte –, noch erfolgte offenbar eine Abstimmung mit Verbündeten der Vereinigten Staaten in der Region oder wenigstens eine Warnung, denn sie werden nun ebenso zum Ziel möglicher Reaktionen. Die ganze Welt will wissen, wie es weitergehen soll, und hat dazu von Trump und seinen Leuten noch nicht viel gehört.

"Die Entscheidung, nicht zu handeln ..."

Dass der abschreckende Schlag gegen das Regime zu einer Deeskalation führt, ist unwahrscheinlich. Dafür müsste man annehmen, in Teheran werde nun davon ausgegangen, die USA reagierten künftig robuster auf die Attacken gegen ihre Interessen oder verteidigten auch ihre Verbündeten entschlossener. Es mag richtig sein, dass der Iran kein Interesse an einem offen geführten Konflikt hat. Aber das Regime wird die USA und ihre Freunde nun schmerzhaft treffen wollen und kann das auch ohne Soleimani: hart genug, um das Gesicht zu wahren, vorsichtig genug, um keine ultimative Eskalation zu provozieren, die sicher auch Trump nicht will. Aber auch das setzt voraus, dass hier nichts in Gang gesetzt wurde, das sich nicht mehr kontrollieren lässt – zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als Wunschdenken. Das Pentagon verkündete am Freitag, bis zu 3.500 Truppen in die Region zu verlegen. 

Der frühere Befehlshaber der US- und Nato-Truppen in Afghanistan, Stanley McChrystal, schrieb vor knapp einem Jahr über Soleimani als Irans "tödlichen Puppenspieler", er sei der "mächtigste und unbeschränkteste Akteur im Nahen Osten" und es gebe "gute Gründe, ihn zu eliminieren". McChrystal hatte dazu 2007 die Gelegenheit, als er das Kommando über die US-Spezialkräfte führte: Soleimani war unterwegs in einem Konvoi, fuhr vom Iran in den Norden des Irak. die USA ließen die erneute Chance damals einmal mehr verstreichen. "Die Entscheidung, nicht zu handeln, ist oft die am schwersten zu treffende", schrieb McChrystal, "und sie ist nicht immer richtig." Sie wäre es auch diesmal gewesen.