Es ist der frühe Dienstagabend, als das eintritt, wovor sich viele kriegsmüde US-Amerikaner fürchten: Der Iran hat zwei Militärbasen im Irak mit Raketen beschossen, auf denen US-Soldaten stationiert sind. Bisher gibt es keine Informationen über etwaige Opfer. Dennoch markiert dieser direkte Angriff aus dem Iran eine Eskalation, die den Konflikt auf eine neue Stufe hebt – eine Rückkehr zur Diplomatie ist noch einmal schwerer geworden.

Derjenige, der über Krieg und Frieden entscheidet, blieb der Weltöffentlichkeit zunächst fern. Die Pressesprecherin des Weißen Hauses ließ lediglich mitteilen, dass Donald Trump die Situation beobachte. Am Dienstagabend (Ortszeit) unterrichteten Außenminister Mike Pompeo und Verteidigungsminister Mark Esper den US-Präsidenten zu Details über den Angriff. Doch eine schon anberaumte Pressekonferenz wurde später abgesagt.

Womöglich ist dem Präsidenten bewusst geworden, dass seine konfrontative Iran-Politik Dynamiken erzeugt, die er nicht mehr kontrollieren kann. Ohne plausiblen Grund hat der US-Präsident im vergangenen Jahr das Atomabkommen aufgekündigt, das zumindest die Gefahr bannen sollte, dass Teheran in den Besitz von Nuklearwaffen gelangt. Mit immer härteren Sanktionen drängte die US-Regierung das iranische Regime in die Defensive. Die Ermordung des iranischen Generals Kassem Soleimani war nur der letzte Schritt einer von Trump initiierten Eskalationskette. Eine Strategie ist in der Iran-Politik Trumps nicht zu erkennen. 

Ein Krieg ist nicht zu vermitteln

Irak - Video zeigt offenbar Angriff auf US-Stützpunkt Als Vergeltung für die Tötung von General Kassem Soleimani hat der Iran US-Militärbasen im Irak angegriffen. Zu möglichen Opfern haben sich die USA bisher nicht geäußert. © Foto: Reuters/Ari Jalal

Nun könnte der US-Präsident am Punkt der Ratlosigkeit angekommen sein. Ein Krieg ist der eigenen Bevölkerung nicht zu vermitteln. Laut einer Studie der University of Maryland lehnen die Wählerinnen und Wähler über alle Parteigrenzen hinweg einen Krieg mit dem Iran ab. Trump hat sich im Wahlkampf 2016 als der Kandidat inszeniert, der die USA aus den endlosen und verlustreichen Kriegen im Nahen Osten befreit, die die Vereinigten Staaten unter der Regierung George W. Bushs begonnen haben.

Der Druck, einen solchen Krieg nun selbst zu entfesseln, wird nach dem iranischen Angriff auf die US-Militärbasen sicher nicht kleiner. Mit Mike Pompeo hat der Präsident einen Iran-Hardliner im eigenen Kabinett. Trumps Vertrauter Lindsey Graham, US-Senator aus South Carolina, gilt ebenfalls als Befürworter eines Angriffs auf den Iran. Zudem hatte Trump den Iran noch am Dienstagnachmittag aufgefordert, von Vergeltungsmaßnahmen abzusehen. "Wenn die etwas tun, was sie nicht tun sollten, werden sie die erheblichen Konsequenzen tragen", hatte er gesagt. Nun könnte Trump sich dazu gezwungen sehen, seinen Drohungen Taten folgen zu lassen. 

Andererseits hat der US-Präsident bezüglich des Iran in der Vergangenheit auch Besonnenheit bewiesen. Nach dem Abschuss einer US-Drohne durch die iranischen Streitkräfte im Juni 2019 ließ Trump einen schon angeordneten Angriff absagen, um eine Eskalation des Konflikts zu verhindern. Nach der impulsiv wirkenden Ermordung Soleimanis könnte es ein Zeichen der Deeskalation sein, dass Trump nach dem Angriff auf die US-Militärbasen nicht sofort an die Mikrofone stürmte und Rache ankündigte.

Eingekreist

US-Stützpunkte in der Krisenregion

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So nimmt sich der Präsident womöglich dieses Mal die Zeit, die Situation eingehend zu analysieren, bevor er eine Entscheidung trifft. Um 21.45 Uhr twittert Donald Trump an diesem Abend dann doch noch etwas. "Alles ist gut", schrieb er. Die Schäden würden nun analysiert, man habe das stärkste Militär der Welt. "Morgen früh werde ich eine Erklärung abgeben." Ein Tweet, der für Trumps Verhältnisse besonnen wirkt. Und Besonnenheit ist nicht die schlechteste Tugend, um einen Krieg zu verhindern. Sogar wenn man ihn selbst heraufbeschworen hat.