Wenn Evo Morales aufsteht, schläft Buenos Aires noch. Der ehemalige Präsident Boliviens arbeitet in der argentinischen Hauptstadt daran, die verlorene Macht wiederzugewinnen. Und er klingt nachdenklich: Im Interview mit ZEIT ONLINE gibt er erstmals zu, dass es ein Fehler war, zum vierten Mal fürs Präsidentenamt zu kandidieren. 

Morales wirkt nicht deprimiert, geschweige denn besiegt. In Argentinien hat die Regierung des Peronisten Alberto Fernández ihm – und weiteren Mitgliedern seiner Regierung – Flüchtlingsstatus gewährt. Aber Morales plant, zurück nach Bolivien zu gehen, um sich dort in den Wahlkampf einzubringen, selbst auf die Gefahr hin, dass die Regierung der Interimspräsidentin Jeanine Áñez ihn inhaftieren könnte.

ZEIT ONLINE: Herr Morales, Sie stehen jeden Tag um fünf Uhr morgens auf. Was machen Sie so früh?

Evo Morales: Ich lese die Zeitungen im Internet, vor allem die bolivianischen und vor allem die der Opposition. Página Siete, El Deber, Los Tiempos... Es ist besser zu wissen, wovon die Opposition spricht. 

ZEIT ONLINE: Warum sind Sie zurückgetreten? 

Sie (die USA) wollten mich direkt nach Guantánamo bringen. Wie hätte ich vertrauen können?

Morales: Weil Häuser von Abgeordneten, Gouverneuren, Bürgermeistern und ihren Familien niedergebrannt wurden. Damit es aufhört. Außerdem hat sich auch noch die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) dem Putsch angeschlossen. Wäre ich Präsident geblieben, hätten unsere Feinde unsere Genossen massakriert. Weggefegt. Und es wäre meine Verantwortung gewesen, denn bis zu meinem Rücktritt am Sonntag, dem 10. November, gab es null Tote. Deshalb habe ich Neuwahlen akzeptiert – die Rechte lehnte ab. Ich schlug vor, auf meine Kandidatur zu verzichten. Das wollten sie auch nicht. Ich bin zurückgetreten, weil ich das Leben liebe.

ZEIT ONLINE: Stimmt es, dass die Regierung der Vereinigten Staaten Ihnen ein Flugzeug angeboten hat und Sie nicht einsteigen wollten?

Morales: Am Montag nach meinem Rücktritt ließ die Regierung kein Flugzeug nach Bolivien einfliegen. Da bot mir der US-Botschafter bei der Organisation Amerikanischer Staaten an, mich aus Bolivien heraus und dorthin zu bringen, wo ich hinwollte.

ZEIT ONLINE: Sie haben ihm nicht getraut. 

Morales: Sie wollten mich direkt nach Guantánamo bringen. Wie hätte ich ihm vertrauen können? Im Jahr 2002 hat der damalige US-Botschafter in Bolivien mich den bin Laden der Anden genannt und die Kokabauern als Taliban bezeichnet. Er drohte auch damit, dass die USA im Fall meiner Wahl zum Präsidenten alle Zusammenarbeit und Investitionen einstellen würden. Ich habe gewonnen.  

Vier Präsidenten haben mir das Leben gerettet.

ZEIT ONLINE: Wer hat Ihnen bei Ihrer Ausreise aus Bolivien geholfen?   

Morales: Am 11. November 2019 haben mir vier Präsidenten das Leben gerettet: Mario Abdo Benítez, der Präsident Paraguays, Andrés Manuel López Obrador aus Mexiko, Nicolás Maduro aus Venezuela und Alberto Fernández als gewählter Präsident Argentiniens. Als ich im Flugzeug darauf wartete, dass wir abheben würden, kamen die Bürgermeister der Region bis zur Landebahn, um mich zu schützen, denn unsere Gegner wollten mich aufhalten. Sie ließen mich erst abheben, nachdem Vizepräsident Álvaro García Linera interveniert hatte.  

Evo Morales verließ Bolivien am 11. November in einem Flugzeug in Richtung Mexiko. Über Kuba kam er dann nach Argentinien. Zuvor war er nach einer umstrittenen Wiederwahl zurückgetreten – unter dem Druck des Militärs und nach wochenlangen Protesten wütender Wählerinnen und Wähler.

Eigentlich verbietet die bolivianische Verfassung dem Präsidenten des Landes mehr als zwei aufeinanderfolgende Amtszeiten. Morales wollte die Regel über ein Referendum ändern, scheiterte aber. Dann erlaubte ihm das Verfassungsgericht die Kandidatur doch. Morales trat zur Präsidentschaftswahl am 20. Oktober 2019 an und wurde fünf Tage später zum Wahlsieger erklärt, obwohl es Hinweise auf Unstimmigkeiten gab. Die Beobachter der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) sprachen von ernsten Unregelmäßigkeiten, der OAS-Generalsekretär Luis Almagro gar von Wahlbetrug. Daraufhin kam es im Land zu anhaltenden Demonstrationen gegen Morales.

ZEIT ONLINE: Sie sind viermal zur Präsidentschaftswahl angetreten. Zuvor hatte das bolivianische Verfassungsgericht geurteilt, es sei ein Menschenrecht, sich unbegrenzt oft wieder wählen zu lassen. Sind sie davon wirklich im Herzen überzeugt?  

Morales: Das Referendum war eine Lüge.

ZEIT ONLINE: Sie meinen das Referendum des Jahres 2016, in dem die Bolivianerinnen und Bolivianer darüber entscheiden sollten, ob Sie für eine vierte Amtszeit kandidieren könnten. Sie haben knapp verloren. Und dann das Verfassungsgericht angerufen.  

Morales: Ich berufe mich dabei auf die Amerikanische Menschenrechtskonvention. In Honduras, Costa Rica und Nicaragua gibt es Präzedenzfälle, die meine Sicht stützen.