Marine Le Pen kommt schon jetzt ihren Gegnern zuvor: Zwei Jahre vor den französischen Präsidentschaftswahlen hat die Rechtsextremistin als Erste angekündigt, wieder für ihre Partei, den Rassemblement National, zu kandidieren. Und die Chancen der Populistin stehen diesmal besser als jemals zuvor: In Umfragen liegt sie im ersten Wahlgang gleichauf mit dem liberalen Präsidenten Emmanuel Macron, im zweiten Wahlgang mit 45 zu 55 Prozent nur wenig hinter ihm. Lange Zeit galt es als ausgemacht, dass Le Pen nie ins höchste Staatsamt gelangen würde. Aber diese Gewissheit bröckelt gerade.

Es gibt Gründe dafür, dass Le Pen dieses Mal tatsächlich in das höchste französische Amt gewählt werden könnte.

Der bedeutendste ist Macrons Unbeliebtheit. Der wirtschaftsnahe Präsident hat keinen Amtsbonus wie viele seiner Vorgänger, im Gegenteil, 80 Prozent der Franzosen glauben, es gehe ihnen unter Macron schlechter als zuvor. Seit die Proteste der Gelbwesten losbrachen, ist das Land eigentlich nicht mehr zur Ruhe gekommen. Jeden Tag geht eine neue Gruppe gegen Macrons Reformen auf die Straße: Anwälte werfen ihre Roben auf den Boden, Zugschaffner blockieren die Gleise, Lehrer schwänzen aus Frust über die Schulpolitik Abiturprüfungen. Viele sind enttäuscht, vielleicht auch, weil Macron eine "neue Welt" versprach, eine völlig andere Politik, und am Ende doch nur dieselben Rezepte parat hat wie seine Vorgänger, nur schneller und drastischer.

"Die Leute können nicht mehr. Wir geben ihnen wieder Hoffnung, dass Macron bald gehen wird", sagte Le Pen bei der Ankündigung ihrer Kandidatur. Und das ist der zweite Punkt für ihre gestiegenen Erfolgsaussichten: Außer Le Pen gibt es gerade keine nennenswerte Opposition. Und viele Franzosen wollen Macron loswerden. 

Le Pen ist die einzige Opposition

Macron, früher Wirtschaftsminister unter dem sozialistischen Präsidenten François Hollande, hat viele beliebte Sozialisten und Republikaner auf seine Seite gezogen. Die Überläufer haben die Traditionsparteien erodieren lassen: Die Sozialisten mussten inzwischen ihr angestammtes Haus in der Mitte von Paris verkaufen und sind in die Vorstadt gezogen. Bei den Europawahlen stimmten nur noch sechs Prozent für sie, für die konservativen Republikaner lief es kaum besser: acht Prozent.

Das ist ein dramatischer Bedeutungsverlust für zwei Parteien, die die Republik seit Ende des Krieges prägten. Das wäre in etwa so, als würden in Deutschland innerhalb von drei Jahren sowohl CDU als auch die SPD unter zehn Prozent fallen. Die linke Partei, die Insoumise, könnte dank ihres wortgewaltigen Vorsitzenden Jean-Luc Mélenchon künftig Stimmen dazugewinnen, aber landesweit bleibt es dabei: Le Pen ist bislang die Einzige, die vom unpopulären Präsidenten Macron profitiert.

Längst haben sich sowohl Macron als auch Le Pen gegenseitig als zentralen Widersacher ausgemacht. Macron weiß: Gegen Le Pen hat er bessere Chancen als gegen einen bürgerlichen Kandidaten der konservativen Republikaner, die ihm inhaltlich ohnehin nahestehen. Und Le Pen wiederum kann von Macrons Ruf profitieren, der Präsident der Reichen zu sein. Dass seine Steuerpolitik zuerst den Wohlhabenden nützt, dass er sich wenig um klassische Arbeiter kümmert, stattdessen die Start-up-Nation ausruft und immer wieder mit überheblichen Sprüchen auffällt, kommt Le Pen zupass.

Neues Image, doch der rechtsextreme Kern bleibt

Schon immer hat sie es verstanden, sich als Frau des Volkes zu verkaufen, als nah dran an den Sorgen der Bauern, der Landbewohnerinnen und Rentner. Dass sie selbst in einem Schloss aufwuchs, als Tochter des Parteigründers Jean-Marie Le Pen in eine wohlhabende Familie und ihren Job geboren wurde, kratzt erstaunlich wenig an diesem Image. Denn Le Pen bietet eine Projektionsfläche für all diejenigen, die unzufrieden sind, die sich ausgeschlossen fühlen, die meinen, die Pariser Bourgeoisie beherrsche das Land und lasse ihnen in den Dörfern nichts übrig.

Ganz Populistin, verspricht sie die Rente mit 60 bei gleichzeitig geringeren Steuern. Sie verspricht bessere Luft in den Städten, ohne den Autoverkehr anzutasten, Firmen dazu zu zwingen, keine Menschen mehr zu entlassen, und Einwanderung zu stoppen. Denn neben all den sozialen und ökologischen Themen, die Le Pen neuerdings für sich beansprucht, ist klar: Die Partei vertritt weiterhin ein rechtsextremes Programm, sie möchte die Grenzen dichtmachen, Flüchtlingen und ihren Kindern staatliche medizinische Versorgung vorenthalten. Und Kandidaten für die kommenden Kommunalwahlen dürfen schon mal behaupten, der Islam sei keine Religion.

Trotz ihres rassistischen Programms verkauft sich Le Pen als "Versöhnerin". Bei jeder Rede beschwört sie ihr Mantra, dass die Franzosen zwischen "der ungezügelten Globalisierung" von Macron und ihrem angeblich "menschlichen Patriotismus" entscheiden könnten. Französinnen und Franzosen glauben inzwischen mehrheitlich, dass es zu einer Wiederauflage des Duells von 2017 zwischen Macron und Le Pen kommen wird.