Gabriel Zucman ist ein französischer Ökonom, der an der Universität Berkeley in Kalifornien lehrt. Zucman hat in den vergangenen Jahren einflussreiche wissenschaftliche Artikel zur Vermögensungleichheit und zu Steuerfragen veröffentlicht, darunter einige Arbeiten mit den Ökonomen Emmanuel Saez und Thomas Piketty. Sein jüngstes Buch "Der Triumpf der Ungerechtigkeit" (mit Saez) erscheint Mitte Februar auf Deutsch. Im US-Wahlkampf haben die beiden demokratischen Präsidentschaftskandidaten Elizabeth Warren und Bernie Sanders Teile seiner Vorschläge für eine neue Steuerpolitik aufgegriffen.

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ZEIT ONLINE: Herr Zucman, in Ihrem Buch behaupten Sie, die USA glichen in Bezug auf das Steuersystem eher einer Plutokratie als einer Demokratie. Was meinen Sie damit?

Gabriel Zucman: Wenn Sie alle Steuern auf allen staatlichen Ebenen berücksichtigen, zahlen im Grunde genommen alle Bevölkerungsgruppen – Arbeiterklasse, Mittelklasse und Oberschicht – ungefähr den gleichen effektiven Steuersatz von etwa 25 bis 30 Prozent des Gesamteinkommens. Die einzige Ausnahme bilden die 400 reichsten Amerikaner. Ihr effektiver Steuersatz beträgt nur rund 23 Prozent. Das Steuersystem in den USA ist deshalb nichts anderes als eine riesige Flattax. Die Demokratie wird so ausgehebelt und die Ungerechtigkeit triumphiert, da die meisten Steueränderungen nicht auf eine plötzliche Forderung der Bevölkerung nach Erleichterung für die Reichen zurückzuführen sind, sondern auf Entscheidungen, die ohne Zustimmung der Wähler getroffen wurden.

ZEIT ONLINE: Das war nicht immer so, oder?

Zucman: Nein, im Gegenteil. Es ist wichtig zu erkennen, dass die jetzige Lage eine dramatische Abweichung von der Geschichte des Landes darstellt. Viele Menschen haben vergessen, dass die USA früher das progressivste Steuersystem der Welt hatten. In den Dreißiger- bis Achtzigerjahren lag der Spitzensteuersatz im Durchschnitt bei 78 Prozent. Bis zum Amtsantritt von Ronald Reagan im Jahr 1981 gab es noch Grenzsteuersätze von bis zu 70 Prozent.

ZEIT ONLINE: Warum? War der politische Wille für mehr sozialen Ausgleich stärker ausgeprägt?

Zucman: Die damalige Politik wollte die Ungleichheit verringern. Zu viel Ungleichheit wurde als schlecht für den politischen Entscheidungsprozess und damit für die Demokratie angesehen. Eine hohe Ungleichheit ist auch schlecht für das Funktionieren einer Marktwirtschaft.

ZEIT ONLINE: Können Sie das näher erklären?

Zucman: Reichtum ist Macht. Eine extreme Konzentration von Wohlstand an der Spitze bedeutet auch eine extreme Konzentration von politischer und wirtschaftlicher Macht an der Spitze. Diese Ansicht ist so alt wie die USA. James Madison, der die US-Verfassung mitgeschrieben hat und ein Held für moderne Konservative ist, hat einmal geschrieben, dass eine übermäßige Konzentration von Reichtum zersetzend wirke. Für eine Republik sei ein solcher Zustand ähnlich schlimm wie ein Krieg.

ZEIT ONLINE: Befinden sich die USA, wenn man sich die heutige Ungleichheit ansieht, bereits in einer Art von Kriegszustand?

Zucman: Das hängt davon ab, welchen Grad an Ungleichheit Sie für zu groß halten. Darauf gibt es keine wissenschaftlich eindeutige Antwort. Es ist jedoch plausibel, dass die USA den Punkt erreicht haben, an dem die Ungleichheit beginnt der gesamten Gesellschaft zu schaden. Die meisten Ökonomen würden sagen, dass ein gewisses Maß an Ungleichheit gut ist; es bietet Anreize zum Arbeiten, für Innovationen und Investitionen. Ab einem bestimmten Punkt dominieren jedoch die negativen Effekte. Die USA könnten diesen Punkt bereits überschritten haben. 

ZEIT ONLINE: Können Sie ein Beispiel für die negativen Effekte nennen?

Zucman: Schauen Sie sich nur das Einkommen der Arbeiterklasse an, die etwa 50 Prozent der gesamten US-Bevölkerung ausmacht. Ihr Realeinkommen stagniert seit 1980. Das bedeutet Nullwachstum in den vergangenen 40 Jahren. Gleichzeitig sind die Einkommen und Vermögen des reichsten einen Prozents rasant gestiegen.

Und schauen Sie, wie sich die Lebenserwartung in den USA entwickelt hat. Sie fällt! 1980 war sie in den USA ähnlich hoch wie in den anderen Industrienationen. Jetzt liegt sie zwei bis drei Jahre unter dem OECD-Durchschnitt. Für die Reichen steigt sie immer noch, aber unter den Armen sinkt die Lebenserwartung. Dieses Phänomen ist in der westlichen Welt einzigartig. Das einzige andere Beispiel für eine sinkende Lebenserwartung in Friedenszeiten ist Russland, als das Land den chaotischen Übergang vom Kommunismus zur Marktwirtschaft durchlief.