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Großbritannien feiert den Brexit – ich nicht. Dabei finde ich es richtig, dass der Austritt aus der EU für die Briten jetzt endlich kommt. Es gibt politisch keinen anderen Ausweg mehr. Man kann einem Volk nicht jahrelang einreden, dass sich die Zukunft zum Besseren wende, wenn man das Joch der EU endlich abgelegt habe, und dann nicht konsequent sein. Aus wirtschaftlichen Gründen aber halte ich nichts vom Brexit. In Wirklichkeit ist der EU-Austritt ja ein Ablenkungsmanöver vom Versagen zahlreicher britischer Regierungen, für eine bessere Wirtschafts- und Strukturpolitik zu sorgen. Ich hätte dem Land aber einen anderen Brexit und eine bessere Zukunft gewünscht.

Mit großem Enthusiasmus bin ich vor fast 30 Jahren nach England gegangen. Davon ist nichts geblieben. Die Verlogenheit der Regierung verbittert mich jeden Tag aufs Neue. Premierminister Boris Johnson lässt sich feiern wie ein Churchill, der das Land vor der Bedrohung durch den Kontinent gerettet hat. Vor der EU, die Europa nach Johnsons Worten wie einst Napoleon und Hitler zu beherrschen sucht. Ich finde diese Geschichtsklitterung verletzend.

Am 31. Januar um 23 Uhr, dem Zeitpunkt des EU-Austritts, sollte in London die Glocke des Big Ben zur Feier der Stunde läuten. Vergangenes Jahr hatte man den Big Ben noch zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren schlagen lassen. Das ist also die Dimension, die die Brexit-Anhänger dem EU-Austritt verleihen wollten. Was für ein Theater.

Raus aus dem Friedensprojekt

Dabei fällt mir ein ganz anderes Jubiläum ein: Silvester vor 30 Jahren. 1989 feierten wir mit Menschen aus der ganzen Welt im Kessel zwischen Brandenburger Tor und der noch stehenden Mauer. Nie werde ich den Jubel vergessen, als Jugendliche neben der Deutschlandflagge nachts die blaue EU-Flagge über dem Brandenburger Tor hissten. Das wiedervereinte Deutschland würde sich selbstverständlich in die EU eingliedern. Das war ein wichtiges Signal des Friedens an die Welt.

Für mich ist die EU bis heute vor allem ein Friedensprojekt, heute mehr noch als damals. Ich bin ein Kind des Kalten Krieges, komme aus Osnabrück, einer britischen Garnisonsstadt. Im Fahrunterricht habe ich gelernt, bei den Herbstmanövern gut Abstand von den englischen Panzern auf der Straße zu halten. Sommer war für mich, wenn die englischen Düsenjäger im blauen Himmel Loopings drehten und das Krachen der Schallmauer unsere Fensterscheiben erzittern ließ.

Als wir vor einigen Jahren unser Elternhaus ausräumten, fing ich an, mich für die vergilbten Soldatenfotos meiner Großväter zu interessieren, für die verstaubten Orden und Eisernen Kreuze, die ich in Schachteln im Keller fand, für die Briefe, die sie aus Gefangenenlagern geschickt hatten. Ich begann nachzulesen, was wirklich 1918 im Argonnerwald geschah oder in der Winterschlacht an der Ostfront 1941. Es war alles so viel grausamer als es der Pomp vermuten lässt, mit dem die Briten jedes Jahr aufs Neue ihre Veteranen feiern.

Großbritannien - Der Brexit kommt und geht doch erst richtig los Großbritannien verlässt die Europäische Union – drei Jahre Chaos finden ein vorläufiges Ende. Was der Schritt für die Briten und für die EU bedeutet, zeigt unser Video.

Von den Briten höre ich immer, sie bräuchten kein Friedensprojekt, die Briten seien ohnehin ein friedfertiges Volk, sie hätten immer auf der richtigen Seite von Moral und Geschichte gekämpft. Praktisch, denke ich, dass die Briten mit ihrer Geschichte immer erst beim Ersten Weltkrieg anfangen und ihre Gräueltaten in den Kolonien außen vor lassen. Dass die Engländer vor dem Ersten Weltkrieg 28.000 Buren, meist Frauen und Kinder, in den Konzentrationslagern im Burenkrieg in Südafrika verrecken ließen, wird nie erwähnt.

Das Empire weht immer nur gefiltert durch das Land. Wie praktisch, denke ich, dass es die Flüchtlingsboote von Libyen nicht bis nach Cornwall schaffen und die haushohen Grenzzäune in Calais auf französischem Boden stehen, sodass sich die Briten nicht mit den Geflüchteten – und den Konsequenzen ihrer Politik im Nahen Osten – auseinandersetzen müssen.

London war die Welt

Als ich vor 30 Jahren nach Großbritannien kam, war London für mich die Welt, der Inbegriff von Freiheit, eine gelebte Utopie, wie Menschen aus der ganzen Welt zusammen leben, arbeiten und lieben können. Es gab keine Fremden, jeder gehörte dazu, niemand wurde als exotisch angesehen oder mit Teddybären bemuttert.

Für mich war es wie Neuanfang. Die Nachbarn baten mich zum Mittagessen, wir wurden gute Freunde. Die Großmutter am Tisch hatte noch die Nummer von Auschwitz auf dem Arm, sie war die einzige Überlebende ihrer Familie. Mit einer anderen Nachbarin treffe ich mich zum Tee, sie ist Augenärztin, schiebt ihr Kopftuch zur Seite und schaut sich die Unterlagen der Augenoperation meiner Tochter an. Sie kommt aus Libyen. In Tripolis hat sie operiert, hier wird ihre Ausbildung nicht anerkannt. Wieder ein anderer Nachbar kommt aus dem Irak. Er ist einer der ehemaligen Botschafter von Saddam Hussein. Aber das wissen nur wenige.

Wir haben Töchter aus Indien adoptiert. Mit ihnen habe ich den großen Unterschied zwischen Deutschland und Großbritannien erlebt. In Deutschland waren sie als Kleinkinder erst "süße Püppchen", dann wurden sie in einem Laden im Taunus angeranzt als klauende "Zigeunerkinder". Später fragte der Kinderarzt meine Tochter, ob ich sie mit Schokoladensauce eingerieben habe. Und immer, immer diese Fragerei, wo wir die Kinder "ausgeliehen" hätten, ob das etwa unsere seien? Als sich meine Tochter als Jugendliche über Jungs unterhielt, sagte ihr eine Freundin: "Der interessiert sich doch sowieso nicht für Dich. Du bist doch schwarz."

In London war das anders. Niemand fragte. Wenn ich mit dem Thema Adoption anfing, hieß es: "Ach, ich dachte, Sie seien mit einem Inder verheiratet." Multikulti war selbstverständlich inbegriffen. Die Briten interessierten sich für die Welt, Nachrichten gab es im Originalton und nicht eingedeutscht wie im deutschen Fernsehen. Ich hatte das Gefühl, in der Welt zu sein. Und ich bin froh, dass ich meine Kinder in London großziehen konnte. Eine Zeit lang habe ich mich hier zu Hause gefühlt, hätte vielleicht für immer hierbleiben wollen.