Die USA und der Iran wollen keinen Krieg, darum wird es auch keinen geben. Das ist eine These, die sich im Laufe der vergangenen Tage zu bestätigen schien. Eine US-Drohne tötet einen hochrangigen General, der Iran schwört grausame Rache, schießt Raketen auf eine amerikanische Militärbasis im Irak ab, ohne dass es Opfer gibt, US-Präsident Donald Trump tritt anschließend vor die Presse und sagt sinngemäß: Alles nicht so schlimm. Die USA und der Iran spielen ihre Rollen nach Drehbuch. Der Konflikt zwischen den beiden ist also beherrschbar. Das ist ein verführerischer, ein trügerischer Gedanke.

Der Absturz des ukrainischen Passagierflugzeugs PS752 macht das deutlich. Dabei kamen alle 176 Insassen ums Leben. Die Maschine war auf dem Weg nach Kiew. Sie hob just an dem Tag von Teheran ab, als die iranischen Revolutionsgarden die US-Basis im Irak mit Raketen beschossen. Nach allem, was man bis heute weiß, scheint es wahrscheinlich, dass die Maschine von einer iranischen Rakete russischer Provenienz abgeschossen wurde. Möglicherweise glaubten iranische Truppen an einen Angriff und wollten ihn abwehren.

Nun laufen die Untersuchungen. Alle Seiten bemühen sich darum, den Absturz als tragischen Fehler darzustellen. Selbst Donald Trump macht das. Auch sein Außenminister Mike Pompeo, ein seit vielen Jahren eingefleischter, erklärter Feind der Islamischen Republik Iran, schlug milde Töne an. Der Absturz sei eine "enorme Tragödie". Die Konfliktparteien halten sich strikt an ihr Drehbuch. Und das Kapitel, das jetzt aufgeführt wird, heißt: Deeskalation. Auch der Tod der 176 Menschen soll das nicht ändern.

Ein Blick in den Abgrund

Das Schicksal dieser Menschen aber beweist, dass sehr wohl etwas schiefgehen kann; selbst dann, wenn alle Konfliktparteien sich an ihre Rollen halten. Das ist keine banale Feststellung, denn sie untergräbt den Glauben daran, dass nichts geschehen wird, was rational handelnde Akteure nicht wollen. Im Augenblick wird ja unterstellt, dass der Iran und die USA sich entsprechend verhalten und deshalb diese Krise nicht in einen Krieg münden wird.

Den Absturz der Maschine PS752 mag man als tragischen Fehler darstellen, in Wahrheit aber ist er der grauenhafte Kollateralschaden eines unerklärten Kriegs zwischen zwei Nationen. Man kann die Ereignisse der vergangenen Tage auch so lesen: Ohne die Tötung des iranischen Generals hätte es keine Racheschwüre aus Teheran, keinen Raketenbeschuss der amerikanischen Militärbasis und keinen (versehentlichen) Abschuss der Passagiermaschine gegeben.

Sicher ist damit nur eines: Je länger der Konflikt andauert, je intensiver er ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass etwas Unvorhergesehenes geschieht.

Der Tod der 176 Menschen ist ein Blick in den Abgrund. Wenn die USA und der Iran ihre Konfrontation nicht bald beenden können, dann werden wir in der nächsten Zeit noch viel öfter in Abgründe blicken – und sie werden viel tiefer und schwärzer sein.