Gefährlich wird es in der Weltpolitik, wenn zwei Feinde in hohem Tempo viele Fehler machen. Stets liefert dann der eine dem anderen einen neuen Grund, gekränkt zu sein: weil er wirr geredet und wüst gehandelt hat, folgt die Antwort der anderen Seite. Oft ist es Rache, der nächste Fehler – und weiter und immer weiter geht es auf der Spirale in Richtung Krieg.

Es muss im Konflikt zwischen den USA und dem Iran nicht zur ultimativen Zuspitzung kommen. Aber es kann. Es ist mittlerweile sogar wahrscheinlich, dass es so kommt.

Am 3. Januar haben die USA den iranischen Generalmajor und Kommandeur der Al-Kuds-Einheit Kassem Soleimani mit einem Drohnenangriff in Bagdad getötet. Es war ein, positiv formuliert, kühner Akt; es war, und das dürfte langfristig die relevantere Beurteilung sein, zugleich ein selten dummer Akt, undurchdacht, wohl aus einer Laune heraus beschlossen, durch keine Strategie getragen. Und schon ist es wieder so weit: In einem Pulverfass ist eine Stange Dynamit gelandet, wie der Präsidentschaftsbewerber Joe Biden sagte.

Am Sonntag verlangte der Irak, der sich durch die Tötung auf seinem Staatsgebiet ohnmächtig brüskiert sieht, den Abzug aller US-Soldaten, was einerseits den Einfluss des Iran vergrößern und andererseits den Terroristen des "Islamischen Staates" (IS) neuen Raum verschaffen würde. Der Iran wiederum erklärte, sich nicht mehr an das Atomabkommen zu halten und präzisierte seine Racheversprechen, kündigte Schläge gegen das US-Militär an.

Wird irgendwer es schaffen, die Geschehnisse umzulenken und das aufzuhalten, was unaufhaltsam scheint? Kann Europa das leisten? Wer in dieser Auseinandersetzung denkt noch rational, handelt kühl genug, wer plant auch nur ein paar Schritte voraus?

Und wie eigentlich sind diese zwei Feinde, die beide den Krieg nicht wollen, jetzt doch wieder dort gelandet – schlafwandelnd, wie der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel im Tagesspiegel schreibt; an 1914 erinnert Gabriel, an den fehlenden Willen von damals, die Planlosigkeit in ganz Europa und die Fehler. Es sind, diesmal, absurd viele Fehler. Es ist die Stunde der Amateure.

Die Fehler des Iran

Die iranische Regierung hat sich in dieser Auseinandersetzung inzwischen mehrfach verschätzt. Zwei gewichtige unter endlos vielen Beispielen:

Am 1. Januar begab sich Ajatollah Said Ali Chamenei in Donald Trumps Heimat, die Twitter-Welt, und schrieb dort: "1. Du kannst gar nichts tun. 2. Wenn du logisch agieren würdest – was du nicht tust –, würdest du sehen, dass deine Verbrechen in Irak, Afghanistan … dafür gesorgt haben, dass Nationen dich hassen." Warum hatte der politische und religiöse Führer des Iran das nötig, was trieb ihn?

Wer auch nur ein paar Tage lang auf Trumps Tweets achtet, weiß bereits, wie wichtig dem amerikanischen Präsidenten das eigene Image und jenes Bild sind, das seine Wähler von 2016 von ihm haben. Wirkt Trump womöglich unentschlossen? Schwach? Sobald er das glaubt, schlägt er zurück, auf irgendeine Weise. Wieso also eröffnete ausgerechnet Chamenei das Spiel impulsiver Provokationen? Effekthascherei? Eitelkeit?

Der zweite große Fehler des Iran liegt in fernerer Vergangenheit. Nach dem Abschluss des Atomabkommens wurden 2015 so gut wie alle Sanktionen gegen das Land aufgehoben, als Gegenleistung des Westens für das iranische Versprechen, 15 Jahre lang nicht an Atomwaffen zu bauen. Für den Iran waren es Freudentage, 2016 wuchs die Wirtschaft endlich wieder; und gleich um 12 Prozent. Wenn die iranischen Machthaber in dieser Lage also sehen, dass in den USA ein Präsident gewählt wird, der leicht zu kränken und unerfahren ist, der all das, was sein Vorgänger erreicht hat, umkehren will, der von Hardlinern umgeben ist und Irans Gegner Saudi-Arabien umschwärmt – warum dann die aggressive iranische Einflussnahme in Syrien, Jemen, Libyen, Libanon oder Irak? Warum diese ständigen Attacken auf die internationale Seefahrt, eine Provokation nach der anderen? 

Atomstreit - Iran will sich nicht mehr an Atomabkommen halten Der Iran hat angekündigt, sein Atomprogramm künftig unbegrenzt weiterzuführen. Eine Rückkehr zum Abkommen sei jederzeit möglich, sollten die USA die Sanktionen aufheben. © Foto: Abedin Taherkenareh/dpa

Schon wahr: All das, Irans aggressive Politik, hatte es schon vor dem Atomabkommen gegeben, und aus iranischer Sicht ist Einflussnahme in möglichst vielen Nachbarstaaten schlicht überlebensnötig – Iran ist schiitisch, die Schiiten sind im Mittleren Osten in der Minderheit und numerisch chancenlos gegen die Sunniten. Aber diplomatisch geschickt hat der Iran nicht agiert, Provokationen wirken selten heilend. Chamenei und Präsident Hassan Rohani haben sich selbst geschadet. Denn die neuen Sanktionen der USA gegen den Iran sind weitreichender als die alten, die steigenden Ölpreise führten zu Demonstrationen, Gewalt, Toten. Der Iran ist instabil geworden und hat selbst dazu beigetragen.