176 Menschen könnten vergangenen Mittwoch Opfer einer rücksichtslosen Geopolitik geworden sein. Die Anzeichen verdichten sich, dass der Iran die abgestürzte Boeing 737 versehentlich mit einer Rakete abgeschossen haben könnte.

Darauf deuten laut USA, Kanada und Großbritannien Satellitendaten und abgehörte Gespräche hin. Die iranischen Behörden weisen diese Deutung zurück, sprechen von einem technischen Defekt. Aus nachvollziehbaren Gründen: Eine Schuld Irans am Absturz könnte für das Land einen enormen Imageschaden im aktuellen Konflikt bedeuten. Jetzt versuchen regimenahe Nachrichtenseiten, durch Propaganda das Blatt für sich zu wenden.

Aktuell fallen vor allem vier Desinformationsstrategien auf. Ein paar Beispiele:

1. Einseitige Quellenselektion

Das heißt, es werden nur solche Stimmen zitiert, die einem Raketenbeschuss widersprechen. Andere Stimmen kommen kaum vor oder werden vorsorglich delegitimiert.

Wer dieser Tage öffentlich behauptet, ein Raketenabschuss der Boeing 737 sei technisch unmöglich, hat wohl gute Chancen, in regimenahen iranischen Medien zitiert zu werden.
"Drei US-Regierungsbeamte gaben an, es gebe keine Beweise dafür, dass ein ukrainisches Boeing-Flugzeug durch einen iranischen Raketenangriff angeschossen wurde", schreibt die private Nachrichtenagentur Tasnim, die enge Verbindungen zu den Revolutionsgarden hat, mit Bezug auf einen Bericht der Nachrichtenagentur AP. Diese wiederum hatte am Donnerstag einen einzigen anonymen Kongressabgeordneten mit einer ähnlichen Behauptung zitiert. Dass die Quellenlage damit prekär ist und dass dieser Information am Freitag bereits durch neuere Berichte widersprochen wurde, erwähnt Tasnim nicht. 

Breite Erwähnung finden in iranischen Medien die Aussagen des Leiters der iranischen zivilen Luftfahrtbehörde, es könne sich nicht um einen Raketenangriff handeln. Widersprechende Behauptungen werden dagegen meist nur knapp zitiert, vor allem aus dem Mund Donald Trumps. Kontrafaktisch wird suggeriert, es fehlten konkrete Belege für die Anschuldigungen: IRNA, die offizielle Nachrichtenagentur des Iran, zitiert Kanadas Premier Justin Trudeau mit den Worten, es gebe Informationen, "'dass das Flugzeug von Raketen abgeschossen wurde'", relativiert dies jedoch, indem hinzugefügt wird, er habe dies gesagt, "ohne ein bestimmtes Dokument vorzulegen". 

Beobachten lässt sich die Strategie der Quellenselektion auch bei der nicht belegbaren Behauptung Teherans, bei ihrem Raketenangriff auf die US-amerikanische Militärbasis Al-Asad habe es "mindestens 20" Tote und Verwundete gegeben (Nachrichtenagentur Fars, revolutionsgardennah). Als "Beleg" wird "eine US-Quelle" genannt, die dies in dem japanischen Fernsehsender Fuji TV gesagt habe. Wer die Quelle war, wird nicht benannt.

2. Umlenken der Schuld

Boeing wird als Sündenbock genutzt und als Unglücks- und Pannenflugzeugbauer dargestellt.

Dass die Boeing 737 Max gravierende Probleme hatte, zeigen zwei frühere Abstürze sowie interne Dokumente. Das macht es den iranischen Staatsmedien leicht, den Flugzeugbauer als unseriös darzustellen. Iranische Nachrichtenseiten stellten am Freitag denn auch detaillierte Infografiken über die Mängel der Boeing-Flugzeuge sowie lange Listen früherer Störfälle online.

Die Seiten belassen es jedoch nicht bei Fakten, sondern vorverurteilen und dämonisieren die Airline: "Keine Täter-Opfer-Umkehr!", fordert etwa Fars-Kolumnist Mohammed Rezvani in einem Meinungsartikel und greift die Ergebnisse der geplanten Untersuchungen polemisch vor: "Boeing ist ein Mörder." Durch Anschuldigungen gegenüber dem Iran versuche Boeing lediglich, die eigene Schuld zu verschleiern: "Von Anfang an scheint Boeing versucht zu haben, sich mit dem Streuen von Spekulationen in den Medien aus der Verantwortlichkeit zu ziehen", schreibt Rezvani.