Cornelius Adebahr ist selbstständiger Politikberater und Analyst in Berlin, wo er zu europäischen und globalen Fragestellungen arbeitet und den Bürgerdialog über Außenpolitik fördert. Er ist seit Anfang 2006 am Forschungsinstitut der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) tätig und lebte zwischen 2011 und 2016 erst in Teheran, anschließend in Washington, D.C.

Für den Moment hat sich der Iran für die besonnene Reaktion entschieden. Die jüngsten Raketenangriffe auf Militärstandorte der USA im Irak mit lediglich Sachschaden erlauben es der Regierung in Washington, auf eine weitere Eskalation zu verzichten. Tatsächlich ging der US-Präsident in seiner Rede an die Nation sogar soweit, von einem gemeinsamen Interesse des Irans und der USA im Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) zu sprechen. Dabei hatte er noch vor wenigen Tagen getwittert, jeder weitere iranische Angriff auf amerikanische Einrichtungen werde massive Konsequenzen haben.

Doch die derzeitige Beruhigung kann den zugrunde liegenden Konflikt nicht beilegen. Sie verlagert ihn nur in die Zukunft. Denn der Iran verfolgt weiterhin drei wesentliche Ziele: Es geht dem Regime, erstens, ums eigene Überleben und, zweitens, um die Vorherrschaft in der Region. Dafür will es, drittens, die USA aus dieser vertreiben.

Keines dieser Ziele ist mit europäischen Interessen kompatibel; jedes einzelne berührt diese aber auf unterschiedliche Weise. Daher reicht es nicht, die iranische Politik einfach abzulehnen. Vielmehr müssen die Europäer sie verstehen, um selbst eine funktionierende Strategie entwickeln zu können. Denn die Lage im Irak bleibt volatil, weshalb die iranisch-amerikanische Konfrontation bei der nächsten Gelegenheit weitergehen kann – mit schweren Folgen für die Sicherheit Europas.

Auch ein revolutionäres Regime kann rationale Ziele verfolgen

Jedes Land strebt nach Sicherheit, für sein Territorium wie für seine Bürger. Gerade autoritäre Regime wollen darüber hinaus ihre Herrschaftsform erhalten, nicht zuletzt weil ihre politische und wirtschaftliche Elite davon profitiert. Für die Islamische Republik kommt hinzu, dass sich ihre Führung seit der Revolution 1979 von äußeren Feinden bedroht sieht.

Gerade das Nachbarland Irak spielt hier eine Schlüsselrolle. Am Anfang stand der Kampf ums nackte Überleben während eines vom irakischen Diktator Saddam Hussein angestifteten achtjährigen Krieges. Dieser zeigte dem Regime in Teheran nicht nur die eigene Verwundbarkeit angesichts von Raketensalven auf iranische Städte sowie Giftgasangriffen gegen die eigenen Truppen auf. Auch sah sich das Land fast der gesamten westlichen und arabischen Welt gegenüber, die – mit Ausnahme Syriens – den Kriegsgegner mit Waffen und Material unterstützte.

Als die USA 2003 beim ehemaligen Verbündeten einmarschierten und das dortige Regime stürzten, beseitigten sie auch den größten Feind der Islamischen Republik. Dies ermöglichte es dem Regime in Teheran, seinen Einfluss unter der mehrheitlich schiitischen Bevölkerung des Iraks auszubauen. Gleichzeitig erwuchs jedoch aus der Zerschlagung des sunnitisch dominierten staatlichen Sicherheitsapparats zunächst der irakische Arm von Al-Kaida und anschließend der terroristische IS. Diese sunnitischen Fundamentalisten sehen nicht nur den Westen, sondern gerade auch ihre schiitischen Glaubensbrüder als Abtrünnige an.

Je weiter der IS seine Kontrolle über weite Gebiete des Iraks (und Syriens) ausbauen konnte, desto mehr sah sich der Iran einer erneut vom westlichen Nachbarn ausgehenden Bedrohung gegenüber. Bei der Bekämpfung dieser Terrorgruppe arbeitete die von den USA angeführte internationale Anti-IS-Koalition auch mit irakischen Milizen zusammen – angeführt von dem nun getöteten Brigadegeneral Kassem Soleimani. Weil dieser nach seinem Einsatz im Iran-Irak-Krieg in den Achtzigerjahren nun schon zum zweiten Mal das Land gegen einen Angreifer verteidigt hatte, machte ihn das Regime zu einem Nationalhelden. Weil die von ihm angeführte Auslandsbrigade der Revolutionsgarden auch vielerorts Anschläge verübte, setzte die Europäische Union ihn auf ihre Terrorliste.

Iran - Donald Trump verzichtet vorerst auf militärische Reaktion Bei Irans Attacken auf Militärbasen im Irak sind laut dem Präsidenten keine US-Bürger zu Schaden gekommen.Trump kündigt weitere Sanktionen gegen den Iran als Reaktion an. © Foto: Evan Vucci/AP/dpa

Regionale Dominanz und innenpolitische Schwäche

Geht es dem Iran im benachbarten Irak um die sogenannte Vorwärtsverteidigung, sieht sich das Land in der weiteren Region als natürliche Vormacht. Mit mehr als 80 Millionen Einwohnern inklusive gut ausgebildeter Mittelschicht sowie einer vieltausendjährigen Herrschaftsgeschichte ist dieser Anspruch auch nicht unbegründet. Allerdings steht ihm die von Saudi-Arabien angeführte und den USA und Israel unterstützte Allianz von Golfstaaten entgegen. In dieser Rivalität vermischt sich simple Machtpolitik leicht mit Fragen des Glaubens (Schiiten versus Sunniten), der Herkunft (Perser versus Araber) und der Staatsform (Republik versus Monarchien).

Um diesen Kampf um regionalen Vorrang für sich zu entscheiden, drängt das Regime in Teheran auf den Rückzug der USA als arabischer Schutzmacht aus dem Nahen Osten. Während die Islamische Republik die Feindschaft mit Amerika und Israel gewissermaßen zur Staatsräson erhoben hat, kleidet sie ihre Forderung nach "Nichteinmischung ausländischer Mächte" geschickt in das Mantra regionaler Selbstbestimmung. Gleichzeitig wird die Führung in Teheran nicht müde zu betonen, dass ihre eigene islamische Herrschaftsform – anders als in den Golfmonarchien – von der Bevölkerung in regelmäßigen Wahlen bestätigt wird.