Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu reagierte prompt. Noch bevor er am Freitag wegen der Eskalation im Irak seinen Besuch in Griechenland abbrach, kommentierte der Premier die Nachricht von der Tötung des iranischen Generals Kassem Soleimani: Israel begrüße den Angriff auf den Kommandeur der iranischen Al-Kuds-Brigaden. Man stehe natürlich an der Seite der USA. Soleimani sei verantwortlich gewesen für den Tod unschuldiger Amerikaner und vieler anderer. Außerdem bekräftigte Netanjahu das Recht der USA auf Selbstverteidigung und lobte US-Präsident Donald Trump.

Wahrscheinlich hatte Netanjahu vorab von dem geplanten Angriff auf den iranischen Kommandeur erfahren. Im israelischen Fernsehen wurden Vermutungen geäußert, US-Außenminister Mike Pompeo habe den israelischen Premier in einem Telefonat vorgewarnt.

Natürlich sind viele Menschen in Israel erleichtert, dass der Milizenchef tot ist. Wie für viele andere Staaten war Soleimani auch für Israel eine akute und reale Bedrohung. Es war seine Politik, schiitische Milizen als sogenannte Stellvertreter Irans im Irak, in Syrien, im Libanon oder in Gaza aufzubauen, zu unterstützen und zu koordinieren. Stellvertreter, die – wie etwa die Hisbollah im Libanon – gegen Israel eingesetzt wurden und auch in Zukunft eingesetzt werden sollen. Soleimani war ein gewiefter Stratege und Israel-Hasser, gegen dessen militärische Aktivitäten die israelische Luftwaffe seit Jahren in all diesen Ländern vorgegangen ist.

Ausflugsgebiet an der Grenze geräumt

Doch neben der Freude, die auch von israelischen Oppositionspolitikern in zahlreichen Tweets in die Welt hinausposaunt wurde, herrscht natürlich Anspannung und Sorge in Israel. Das Militär ist an der Nordgrenze zum Libanon und Syrien in höchste Alarmbereitschaft versetzt worden. Der Hermon-Berg, ein beliebtes Ausflugsziel für Israelis unmittelbar an der libanesischen Grenze, wurde für Zivilisten abgesperrt. Israelische Einrichtungen im Ausland sind ebenfalls in Alarmzustand.

Israel fürchtet, es könnte ein Ziel iranischer Rache werden, wenngleich viele Beobachter davon ausgehen, dass Teheran zunächst eher amerikanische Positionen im Nahen Osten ins Visier nehmen dürfte. Tatsächlich hat sich Teheran seit dem Bekanntwerden von Soleimanis Tod in Bezug auf Israel zurückgehalten. Die Drohungen richteten sich bislang gegen die USA, der zionistische Erzfeind Israel wurde kaum erwähnt. Dies dürfte sich allerdings – folgt man der üblichen iranischen Rhetorik – wohl in den nächsten Tagen ändern.

Für die israelische Regierung wird die aktuelle Situation zur Herausforderung: Zum einen muss sie sich auf alle Eventualitäten vorbereiten und dies auch öffentlich machen, um die eigene Bevölkerung zu informieren und gleichzeitig Teheran vor einem Angriff zu warnen. Auf der anderen Seite will Jerusalem den Konflikt nicht zusätzlich anheizen. Denn ein möglicher Krieg mit Irans Partnern, vor allem mit der Hisbollah im Norden, aber auch mit Hamas und dem Islamischen Dschihad im Süden, könnte verheerend werden. Allein die Hisbollah verfügt über rund 120.000 Raketen, israelische Militärs befürchten, dass trotz eines hervorragenden Raketenabwehrsystems bis zu 1.000 Raketen pro Tag ganz Israel, inklusive Tel Aviv, treffen könnten.

Raketenangriff - Drohende Eskalation im Iran Nach der Tötung des Generals Kassem Soleimani durch das US-Militär verschärft sich die Situation im Iran. Präsident Hassan Rohani kündigte Widerstand gegen die USA an. © Foto: Reuters TV

Angst vor der Eskalation

Netanjahu muss versuchen, die Politik Washingtons zu entziffern. Nach der Ankündigung Donald Trumps vor einigen Monaten, die US-Truppen aus Syrien abzuziehen, nachdem die USA weder auf den Abschuss einer amerikanischen Drohne durch den Iran noch auf den iranischen Angriff auf die Ölfelder der Saudis militärisch reagiert hatten, war man in Jerusalem zu der Überzeugung gelangt, Donald Trump lasse Israel militärisch im Stich. Israel werde am Ende allein gegen Teheran agieren müssen, wenn Ajatollah Chamenei endgültig den Befehl geben sollte, die iranische Atombombe weiterzuentwickeln.

Jetzt aber melden sich die Amerikaner zurück im Nahen Osten: Im Irak bombardierten die USA vor einigen Tagen schiitische Milizen, schickten nach dem Angriff auf die amerikanische Botschaft in Bagdad mehr Truppen in die Region. Schließlich der tödliche Angriff auf den zweitwichtigsten Mann des iranischen Regimes.

All das beruhigt Netanjahu keineswegs. Wie viele andere befürchtet er, dass der US-Präsident keine Strategie hat und die Tötung Soleimanis eine unkontrollierbare Eskalation auslösen könnte, die es unmöglich machen wird, das iranische Atomprogramm zu verhindern. Möglicherweise könnte die Militäraktion in der Nacht zum Freitag sogar dazu führen, dass die USA aus dem Irak abziehen müssen.

Natürlich wäre Israel froh, wenn die USA mit ihren unvergleichlich größeren militärischen Möglichkeiten dem Iran Einhalt gebieten würden. Aber Netanjahu weiß längst, dass auf Trump kein Verlass ist. Das hat die US-Außenpolitik unter Trump seit Jahren gezeigt: Zick-Zack-Kurse, 180-Grad-Kehrtwendungen, einmalige Aktionen ohne Konsequenzen – alles schon da gewesen.

Am Freitagabend wurde aus Teheran gemeldet, die iranische Regierung habe entschieden, wie die Vergeltung aussehen werde. Natürlich wurden keine weiteren Angaben gemacht. Selbst wenn Israel nicht unmittelbar mit einem Vergeltungsschlag rechnen muss – die Gefahr, dass die Lage schon bald nicht mehr kontrollierbar sein könnte, ist extrem hoch. Das bedeutet natürlich auch: Israel könnte mit hineingezogen werden in das amerikanisch-iranische Chaos. Mit Folgen, die derzeit niemand absehen kann. Gewiss ist nur: Der Preis, den Israel zahlen müsste, wäre wohl höher als in allen Kriegen zuvor.