Es gibt Attentate, da hält die ganze Welt die Luft an und wartet bange auf das, was kommen kann. Die Ermordung des österreichischen Thronfolgers in Sarajevo am 28. Juni 1914 war so ein Anschlag. Die gezielte Tötung des iranischen Milizengenerals Kassem Soleimani in der Nacht vom 2. auf den 3. Januar 2020 in Bagdad ist ein weiteres Attentat dieser Art.

Nun ist ganz viel in Bewegung. Der Iran hat in den Weihnachtstagen per Stellvertreterattacke die USA im Irak angegriffen, US-Präsident Donald Trump hat diesen Konflikt mit dem Befehl, Soleimani per Drohne zu töten, gewaltig eskaliert. Der Milizenchef war faktisch der zweitwichtigste Mann im Iran hinter dem Obersten Führer Chamenei. Man sollte nicht drumherum reden: Das Attentat ist eine Kriegserklärung.

Warum ist es das? Und was folgt darauf?

Schon die Berater der Trump-Vorgänger George W. Bush und Barack Obama spielten gelegentlich mit dem Gedanken, Kassem Soleimani zu töten. Der Kommandeur der Al-Kuds-Brigaden war der militärische Architekt der iranischen Expansion im Nahen Osten. Er dirigierte die schiitischen Milizen in der Region, die Land um Land eroberten. Soleimani beriet die libanesische Hisbollah im Kampf gegen die Rivalen im eigenen Land und Israel, Soleimani gab dem syrischen Diktator Baschar al-Assad Feuerunterstützung im Krieg gegen das syrische Volk, Soleimani rüstete die Huthis im Jemen gegen die Zentralregierung auf, Soleimani eroberte mit den schiitischen Milizen die faktische Macht im Irak. Der Mann ist direkt oder indirekt für Zehntausende tote Araber und noch mehr Flüchtlinge verantwortlich. Seine Flugroute kurz vor seinem Tod spricht Bände: von Damaskus nach Bagdad.

Irak - Iranischer General durch US-Raketen getötet Bei einem Luftangriff des US-Militärs wurde der iranische General Kassem Soleimani getötet. Irans Außenminister spricht von internationalem Terrorismus seitens der USA. © Foto: Iraqi Security Media Cell

Doch ihn deshalb töten? Bush und Obama schreckten vor diesem Schritt stets zurück. Auch der israelische Geheimdienst, der Soleimanis Reisen in der Region eng beschattete, hätte den Mann beseitigen könnten, hat es aber nie getan. Denn an Soleimanis Stelle werden andere treten. Dümmere, Chaotischere, Brutalere. Der Iran droht das Gesicht zu verlieren und könnte nach drei Tagen der Staatstrauer und inneren Sammlung wie entfesselt gegen feindliche Ziele im Nahen Osten losschlagen. Darauf wird wiederum Trump reagieren müssen. Es könnte sein, dass er eine große strategische Dummheit begangen hat. 

Was könnte der Iran jetzt machen?

Eine Möglichkeit sind direkte Angriffe auf US-Militärbasen in der Region. Die Auswahl ist groß. US-Truppen stehen im Irak, in der Türkei, in Jordanien, noch immer in Syrien, Katar, Bahrain, auf Inseln im Indischen Ozean und neuerdings in Saudi-Arabien. Die Attacken schiitischer Milizen auf US-Soldaten im Irak und die Botschaft in Bagdad waren da nur ein Vorgeschmack. Trotzdem ist die direkte Konfrontation mit den USA für den Iran nicht wünschenswert. Das Land ist besser im asymmetrischen Krieg. Die zweite Möglichkeit sind Angriffe auf US-Verbündete in der Region. Die Attacken schiitischer Kräfte auf die saudischen Ölanlagen 2019 zeigen, wie verwundbar die Verbündeten sind. Die Energieinfrastruktur der Golfstaaten liegt für iranische Milizen bloß wie Tontauben auf dem Jahrmarkt. Damit wäre die gesamte Weltwirtschaft betroffen. Der Iran könnte aber auch versuchen, Nato-Verbündete zu treffen. Das ist zwar weniger wahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen. Irans Raketen erreichen mittlerweile Europa.

Mit der Tötung von Kassem Soleimani hat Donald Trump seine Handlungsoptionen im Nahen Osten enorm verengt. Er wollte als Friedenspräsident in die Geschichte eingehen, als Held des Rückzugs aus "endlosen Kriegen", was in der US-Wahl im kommenden November gut angekommen wäre. Mit der Aufkündigung des Atomabkommens 2018, dem Kleinkrieg der Nadelstiche gegen den Iran 2019 und dem Angriff auf Soleimani tauscht er das Gewand des Friedenspräsidenten gegen die Rüstung des Kriegstreibers. 

Schlüge der Iran zurück gegen die Ölversorgung der Welt oder gegen amerikanisches Militär, bliebe Trump am Ende der Feldzug gegen ein Land mit über 80 Millionen Menschen. Dagegen würde der Irakkrieg von George W. Bush wie ein Spaziergang aussehen.