Jamal Khashoggi ist tot, aber seine saudischen Mörder werden ihn nicht los. Die Affäre um den 2018 in Istanbul getöteten saudischen Journalisten erweitert sich gerade um eine neue Schleife. Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman (kurz MbS), dem die CIA und eine UN-Ermittlerin den Mordauftrag an Khashoggi anlasten, soll jetzt auch das Smartphone von Jeff Bezos angezapft haben. Bezos ist nicht nur Amazon-Chef, sondern auch Eigentümer der Washington Post

In dieser Zeitung schrieb Khashoggi seine Kolumnen mit beißender Kritik am saudischen Regime und MbS persönlich. Auch Bezos sollte dafür büßen. Saudische Twitterer überzogen ihn mit einer Hasskampagne. Das angezapfte Handy lieferte Auszüge der privaten Bezos-Korrespondenz, darunter auch vertrauliches Liebesgezwitscher mit einer Verehrerin. Dieses war plötzlich in einem US-Boulevardblatt zu lesen, was dann recht schnell zum Kollaps von Bezos‘ Ehe führte. US-Ermittler führen das digitale Leck zurück auf ein Video, das Mohammed bin Salman dem Amazon-Chef per WhatsApp schickte. Damit sei eine Spionage-Software installiert worden, die die Saudis wiederum von einer israelischen Firma erhalten hätten. 

Was nach einem schlechten Vorabendfilm mit verworrener Handlung klingt, ist die neueste Wendung der großen Mohammed-bin-Salman-Saga, der mit unerbittlicher Härte seine politischen Gegner verfolgt. Nun also womöglich noch mit israelischer Spionagesoftware. Die Frage ist nur, ob die Aufregung und Skandale dem impulsiven Kronprinzen irgendwann das Genick brechen oder ob er sie von seinem Gewand abstreift wie eine Daunenfeder seines Büro-Diwans. Gefahren drohen ihm von außen, aber auch von innen, es gibt Unmut im Volk und im Königshaus. Wird das Mohammed bin Salman bremsen? 

Die Kleriker hassen MbS – das Volk mag ihn

Im amerikanischen Senat wurden bereits im Sommer 2019 Sanktionen gegen Saudi-Arabien verabschiedet. Die Kürzung von Militärhilfen und Beschränkungen der Reisefreiheit von Mitgliedern der Königsfamilie gehören dazu. Doch diese Sanktionen belegte US-Präsident Donald Trump mit seinem Veto. Auch hätten sie wohl im Repräsentantenhaus keine Chance. Für viele Abgeordnete und vor allem die US-Regierung sind die Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien nachrangig. Was zählt, ist der Waffenverkauf an das zahlungskräftige Land. Was zählt, ist die strategische Stellung des Verbündeten im Mittleren Osten und die Rivalität mit dem Iran. Je ärger der amerikanische Konflikt mit dem islamistischen Regime in Teheran, desto näher ist Washington das islamistische Saudi-Arabien. 

Doch auch die Europäer können sich nicht so über Saudi-Arabien aufregen, dass es Konsequenzen hätte. Das Land ist ein wichtiger Geschäftspartner, wo Milliardenaufträge winken. Bahn, Industrie und Kraftwerke – da möchten Frankreich, Deutschland und andere Länder mitbauen. Auch für sie ist Saudi-Arabien als Gegengewicht zum aggressiv-expansiven Iran wichtig. Entscheidend dürfte sein, dass in jüngerer Zeit Russland und Israel zu den Freunden von MbS dazu gekommen sind. Der Kronprinz trifft sich regelmäßig mit dem neuen Nahost-Chef-Drahtzieher Wladimir Putin. Und die Israelis päppeln ihn gegen Iran.  

Wirksamer Druck von außen wird also kaum kommen. Könnte Mohammed bin Salman von innen unter Druck geraten? 

Sein autoritärer Kurs hat ihm viele Feinde gemacht. Die ultrareaktionären Wahhabiten hassen ihn für seine Lockerung der religiösen Regeln. Die rivalisierenden Zweige des Königshauses können ihm die Konzentration der Macht nicht verzeihen. Aber sie alle können seine einzigartige Stellung nicht gefährden. Im Gegenteil: Ihr Zorn nährt sich aus ihrer nachhaltigen Entmachtung. Mohammed bin Salman und sein Vater König Salman haben Widersacher und Thronprätendenten im Haus Al-Saud systematisch kalt gestellt. Eigensinnige Prinzen wurden so lange eingesperrt, bis sie gegen Zahlung von Milliardensummen wieder auf freien Fuß kamen. Auf Bewährung. MbS hat auch Kleriker und Prediger verhaften lassen, genauso wie Liberale und Menschenrechtler. Sie alle haben keine Stimme mehr, aber auch kaum noch Saudis, die ein Wort für sie einlegen.  

Was kann man da machen?

Denn neben dem harten Durchgreifen ist die Beliebtheit eine Säule seiner Macht. Er bricht die Macht des religiösen Establishments, das Saudi-Arabien seit 50 Jahren gängelte. Er entwirft eine wirtschaftliche Vision für das Land, privatisiert den Staatskonzern Saudi-Aramco. Viele junge Saudis schätzen den 34-jährigen Kronprinzen dafür, dass er Kinos und gender-gemischte Restaurants eröffnet, dass er Frauen das Autofahren und freie Reisen ohne Vormund erlaubt. Manche Straßen Riads und Jiddas sind unter seiner Herrschaft zur wahren Partymeile geworden. Im Rausch der Nacht fragt dann kaum noch einer, wer bei der Party nicht dabei ist, weil er gerade im Gefängnis ist – oder tot. 

Mohammed bin Salman steht also derzeit recht gut da. Deshalb wird auch der Smartphone-Skandal um Jeff Bezos ihm wenig anhaben können. Umso wichtiger ist, dass Jeff Bezos‘ Washington Post fortgesetzt über den Fall Khashoggi und die Weiterungen schreibt. Dass die Medien weltweit nicht müde werden, darüber zu berichten. Dass die UN-Sonderberichterstatterin Agnès Callamard nicht aufhört, die Hinrichtung anzuprangern. Nur die stete Erinnerung an den Mord an Khashoggi sorgt dafür, dass MbS wenigstens den Makel der Tat nicht mehr abstreifen kann.