In der Türkei ist eine historische Anekdote zurzeit besonders beliebt. Vor gar nicht allzu langer Zeit hieß das Gebiet des heutigen Libyen "Türkisch Tripolitanien". Das Land gehörte vom 16. bis ins frühe 20. Jahrhundert zum Osmanischen Reich, es war das letzte Besitztum der Türken in Nordafrika. Selbstverständlich pflege Ankara angesichts dieser Geschichte auch heute noch engste Beziehungen zu Libyen, heißt es dann, selbstverständlich unterstütze Ankara die Regierung in Tripolis, wenn sie Hilfe brauche. Ein Kommentator der regierungstreuen Zeitung Yeni Şafak beschwor kürzlich gar eine wiederauflebende "Blutsbruderschaft" herauf.

Ist die Zeit jetzt reif, diese Blutsbrüderschaft unter Beweis zu stellen? Das türkische Parlament hat am Donnerstagnachmittag einem Militäreinsatz in Libyen zugestimmt. Präsident Recep Tayyip Erdoğan darf Soldaten nach Tripolis verlegen, um die unter Druck geratene Regierung von Fajis al-Sarradsch vor einem Aufstand zu retten.

Erdoğan gehört zweifelsohne zu den treibenden Kräften, die für so etwas wie eine osmanische Renaissance stehen, für eine Rückkehr der Türkei zum alten vorrepublikanischen Gewicht in der Welt. Eine Intervention in Libyen würde diesen Anspruch untermauern. Doch es gibt noch eine Reihe weiterer Gründe, die den Einsatz nun in den Bereich des Möglichen rücken.

Unterstützung für die Muslimbrüder

Seit dem Sturz Muammar al-Gaddafis im Jahr 2011, der mit brutaler Härte für Ruhe in Libyen gesorgt hatte, herrscht in dem Land Chaos. Zwar gibt es mit dem Kabinett Sarradsch eine international anerkannte Regierung. Die hat es aber nie geschafft, jenseits der Grenzen der Hauptstadt Tripolis zu wirken. Und selbst dort gelang es ihr nur mithilfe von Milizen. Nicht zuletzt angesichts des wachsenden Unmuts in der Bevölkerung wagte der mächtige General Chalifa Haftar im April 2019 den Aufstand. Er rief zum Sturm auf Tripolis auf und versprach den Menschen vor allem Sicherheit und Ordnung.

Haftar gelang es, in kürzester Zeit Tripolis zu belagern. Zuletzt setzte er Sarradsch derart unter Druck, dass der sich gezwungen sah, verstärkt Hilfe im Ausland zu suchen. Die türkischen Regierungsparteien AKP und MHP haben Erdoğan nun das Mandat dafür erteilt, einzugreifen. Zeitpunkt und Ausmaß der Intervention unterliegen ab sofort allein dem Ermessen des Präsidenten und seiner Generäle.

Neben den historisch begründeten Machtansprüchen dürfte für die Entscheidung Erdoğans eine Rolle spielen, dass er sich gern als Schutzpatron der sunnitischen Muslime auf der Welt sieht. Der libysche Bürgerkrieg ist religiös aufgeladen. Haftar tritt auf wie der Prototyp des arabischen Militärführers – streng, stets uniformiert und säkular. Er wirbt im Rest der Welt um Unterstützung, indem er explizit Islamisten den Kampf ansagt. Sarradsch dagegen steht den Muslimbrüdern nahe, einer islamistischen Bewegung, der auch Erdoğan seine Solidarität bekundet. Vor der Abstimmung im türkischen Parlament verwies die säkulare türkische Partei CHP auf diesen Hintergrund. Doch obwohl sie sich mit der İyi-Partei und der prokurdischen HDP gegen das Mandat für die Intervention stemmte, pochte sie vergeblich auf Diplomatie in einem ideologisch hochaufgeladenen und hochexplosiven Konflikt.

Rund um die Muslimbrüder, die einen besonders konservativen Islam vertreten, ziehen sich Fronten quasi durch den gesamten Nahen Osten. Auf libyschen Boden sind sie gerade wie unter einem Brennglas zu beobachten: Haftar erhält Unterstützung von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien, Ägypten und Jordanien, deren feudale oder militärische Führer islamistische Gruppierungen wie die Muslimbrüder als Bedrohung ihrer eigenen Macht wahrnehmen. Eine stärkere Beteiligung der Türkei in Libyen würden unweigerlich die Spannungen mit diesen Kräften erhöhen. Etliche Beobachter sprechen schon jetzt von einem Stellvertreterkrieg, schließlich ist die Regierung in Ankara bereits, wenn auch eingeschränkt, seit Längerem durch Rüstungslieferungen und Drohnen eine Konfliktpartei.