Unterstützer einer Intervention in der Türkei führen auch wirtschaftliche Gründe auf. Vor zehn Jahren wurden im östlichen Mittelmeer gigantische Gasreserven entdeckt. Eine Reihe von Staaten, darunter Israel, Zypern und Griechenland, haben sich zusammengeschlossen, um diese natürlichen Schätze zu bergen und sich gemeinsam auf dem Markt zu positionieren. Die Türkei, die mit all diesen Staaten nur schwierige diplomatische Beziehungen unterhält, wurde dabei ausgeschlossen. Eine Libyen-Intervention steht auch deshalb zur Debatte, weil sich die Türkei dieser Allianz entgegenstellen will und dafür Verbündete braucht.

Noch bevor Erdoğan der Regierung in Tripolis die militärische Unterstützung zusicherte, einigten sich die beiden Regierungen in einem heftig umstrittenen Abkommen auf eine Regelung ihrer Seegrenzen. Diese schaffen den Plänen zufolge eine Schneise, die von der türkischen Küste zwischen Kreta und Zypern hindurch bis in den Osten Libyens reicht. Damit will sich Erdoğan einerseits mögliches Gas in diesem Korridor sichern. Andererseits könnte dieser Zug die Pläne Israels, Zyperns und Griechenlands behindern, eine Pipeline vom östlichen Mittelmeer nach Europa zu bauen, um das Gas aus der Region zu exportieren. Es geht um ein gewaltiges Geschäft. Erdoğan verfolgt seit Jahren das Ziel, die Türkei zum größten Energieumschlagplatz der Region zu machen. Und er vermutet, dass im östlichen Mittelmeer zwei Drittel der weltweiten Erdgasreserven liegen.

Neoosmanische Träume und regionale Machtansprüche, der Kampf um die Vorherrschaft unter sunnitischen Muslimen und das Ringen um Ressourcen – alles gewichtige Argumente für die Unterstützer einer Libyen-Intervention. Trotzdem ist noch offen, ob die Türkei wirklich im großen Stil in den Konflikt eingreift. Denn damit würde sich Erdoğan nicht nur mit regionalen Spielern wie den Vereinigten Arabischen Emiraten anlegen. Wie in Syrien mischt auch Russland in Libyen mit. General Haftar ist offensichtlich nicht entgangen, dass Russlands Präsident Wladimir Putin darum bemüht ist, seinen Einfluss im Mittelmeer auszudehnen. Medienberichten zufolge umgarnt Haftar Putin mit dem Bau von russischen Militärbasen auf libyschen Boden. Was das betrifft, hat er sich offenbar viel bei Syriens Präsident Baschar al-Assad abgeschaut: Russland unterhält unter anderem in Tartus einen Marinehafen.

Entscheidendes Treffen mit Putin

Es ist unklar, ob sich Erdoğan auf eine mögliche Konfrontation mit Russland in Libyen einlässt. Die militärische Ausgangslage für die türkischen Streitkräfte ist dort nämlich deutlich schlechter, als sie es in Syrien ist. Libyen ist weit weg. Und für türkische Kampfjets fehlt in der Region ein sicherer Flughafen, da die Nachbarländer Algerien und Tunesien einem Bericht des Internetportals Al-Monitor um Neutralität bemüht sind und ihre Einrichtungen nicht zur Verfügung stellen. Die türkische Marine wiederum könne dieses Defizit nicht vollends auffangen.

Bereits in der nächsten Woche könnte sich abzeichnen, ob aus dem Mandat des Parlaments tatsächlich eine nennenswerte Intervention wird. Am 8. Januar bekommt Erdoğan Besuch von Putin. Der Grund für die Visite ist eigentlich die Eröffnung der kürzlich fertiggestellten Turk-Stream-Gaspipeline. Doch da die Kriegsrufe in der Türkei immer lauter werden, ist auch das Thema Libyen gesetzt.

Mit dem Mandat des Parlaments kann Erdoğan nun mit deutlich mehr Gewicht in den Gesprächen auftreten. Und selbst wenn er am Ende die Konfrontation in Libyen nicht riskiert, kann er doch zumindest zu Hause den Eindruck verstärken, dass er geopolitisch bei den Großen mitspielt.