Recep Tayyip Erdoğan steht vor einer riesigen Projektion. Auf dem Bild ist die Erde zu sehen, doch sie ist nicht mehr in Kontinente und Länder unterteilt. Stattdessen überzieht ein Raster aus Verbindungen und Knotenpunkten den Planeten. "Wir sind im Begriff, gewaltige Pläne umzusetzen", sagt Erdoğan.

Es ist Ende 2016. Der türkische Präsident heißt die Gäste des World Energy Congress willkommen, einer Konferenz rund um Öl, Gas und erneuerbare Energien, die damals in Istanbul stattfindet. "Lasst uns teilen, um Frieden zu schaffen", greift Erdoğan das Motto des Treffens auf. Er beschwört die angeblich konfliktlösende Wirkung globalisierter Energiemärkte. Dann skizziert er, welche Rolle er der Türkei darin zugedenkt. "Wir sind ein Transitstaat", sagt er. "Und wir müssen das mit entsprechender Technologie untermauern." Was er damit meint, ist: Erdoğan will sein Land in einen gigantischen Energieumschlagplatz verwandeln, in einen bedeutsamen Knotenpunkt, auf den andere Länder angewiesen sind.

Es sind kühne Träume, doch etwas mehr als drei Jahre später ist Erdoğan ihnen ein beachtliches Stück näher gekommen. Am 8. Januar 2020 soll TurkStream den Betrieb aufnehmen, eine Gaspipeline, die von Russland über das Schwarze Meer bis in die Türkei führt. TurkStream hat zwei Röhren, beide mit einer Kapazität von 15,75 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr. Eine ist für den türkischen Markt vorgesehen, die zweite für die EU. Eine Verlängerung auf dem Festland, die von Bulgarien nach Serbien und von Ungarn bis nach Österreich führt, ist im Bau. Zum Vergleich: Im Jahr 2018 verbrauchte die EU rund 458 Milliarden Kubikmeter Gas. TurkStream liefert nur einen Bruchteil davon.

Doch in Erdoğans macht- und wirtschaftspolitischer Strategie ist die Pipeline ein wichtiger Baustein – und scheinbar einer, der keine großen Konflikte verursacht. Während die Pipeline Nord Stream 2, die von Russland nach Deutschland reichen soll, Amerikaner erzürnt und Europäer spaltet, war von TurkStream zuletzt kaum die Rede. Was steckt hinter dem Projekt? Und sind die energiepolitischen Ambitionen Ankaras tatsächlich friedensstiftend?

Deal mit Wladimir Putin

Als Erdoğan sich beim World Energy Congress setzt, nimmt er neben Russlands Präsidenten Wladimir Putin Platz. Zwar steckten die Beziehungen zwischen Russland und der Türkei zuvor in einer Krise: Etwa ein Jahr zuvor hat die türkische Luftwaffe einen russischen Jet im türkisch-syrischen Grenzgebiet abgeschossen. Doch der Deal um TurkStream, den die beiden Staatschefs auf der Energiekonferenz festzurren, besiegelt eine vorsichtige Wiederannäherung zwischen beiden Ländern. Im Januar 2020 wird es wieder selbstverständlich sein, dass die beiden die Pipeline gemeinsam in einem Festakt eröffnen.

Heute reicht die türkisch-russische Partnerschaft weit über TurkStream hinaus. Sie umfasst gemeinsame Militärmanöver und Waffengeschäfte – was in EU, USA und Nato Kritik und Sanktionen hervorgerufen hat, etwa den Ausschluss der Türkei aus dem F35-Kampfflugzeug-Programm der USA. In Brüssel und Washington ist man sich nicht mehr sicher, ob die klare Orientierung nach Westen noch besteht, die ursprünglich ein Wesensmerkmal der türkischen Republik war. Und TurkStream bietet – jenseits seiner symbolischen Wirkung – viel Stoff, das Misstrauen zu nähren.

Wo Turk Stream verläuft

Zwischen dem russischen Anapa und dem türkischen Kıyıköy führt die Pipeline durchs Schwarze Meer.

Das Projekt wirkt wie ein Taschenspielertrick Putins, um den Westen hinters Licht zu führen. Der russische Staatschef plante schon 2009 eine neue Pipeline in die EU – nur hieß die damals noch South Stream. An ihr waren unter anderem der staatlich kontrollierte Gazprom-Konzern und die South Stream Transport B.V. mit Sitz in den Niederlanden beteiligt. Das Pipelineprojekt sollte Gas über das Schwarze Meer bis nach Bulgarien bringen, also direkt in die EU, ohne den Umweg über die Türkei, geplante Kapazität: 63 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr. Für Russland war es damals wichtig, Alternativrouten zum Transit des Gases durch die Ukraine aufzubauen, weil es zuvor zwischen beiden Ländern zu heftigen Auseinandersetzungen über den Gaspreis gekommen war. Es gab Lieferblockaden, die indirekt auch die EU trafen. Auch in ihr gab es deshalb ein Interesse an South Stream.