Die dritte Dekade des 21. Jahrhunderts begann mit einem Schock. Das tödliche amerikanische Drohnenattentat auf Kassem Soleimani, den Kommandeur der iranischen Al-Kuds-Brigaden, verdrängte für eine Weile die großen Herausforderungen unserer Zeit aus den Schlagzeilen – die fundamentale Verwandlung der Weltordnung in ein neues bipolares System, dessen zentrale Achse zwischen den Vereinigten Staaten und China verläuft; die Klimakrise und die Migrationsmisere; den elenden Zustand der transatlantischen Gemeinschaft; schließlich den Umbruch der Europäischen Union nach dem Ausscheiden Großbritanniens. Mit einem Mal droht ein Krieg zwischen Amerika und Iran.

Das Verhältnis zwischen den beiden Staaten ist angespannt, seit Donald Trump ins Weiße Haus einzog. Von Anfang an schlug er sich hemmungslos auf die Seite Saudi-Arabiens, Teherans ölmächtigen Rivalen um die Vorherrschaft im Mittleren Osten. Im Mai 2018 zog er sich aus dem Abkommen zurück, das die fünf UN-Vetomächte, die EU und die Bundesrepublik mit Teheran ausgehandelt hatten, und das iranische Kernwaffenprogramm für 15 Jahre praktisch auf null brachte. Trump lehnte es schon deshalb ab, weil es von seinem Vorgänger Barack Obama ausgehandelt worden war. Seitdem verfolgte er eine Politik des "maximalen Drucks" auf den Iran. Er verhängte scharfe Sanktionen, um die iranische Wirtschaft abzuwürgen; dies soll das Regime zum Einlenken bewegen oder gar dessen Zusammenbruch bewirken. Den Firmen der anderen Unterzeichner des Nuklearabkommens drohte das Weiße Haus ebenfalls Strafmaßnahmen an, sollten sie weiterhin mit Iran Geschäfte machen. Dies traf vor allem die Europäer.

Die Krise lenkt immerhin vom Impeachment ab

Im vergangenen Jahr eskalierte die Lage. Da die zugesagte Aufhebung der Sanktionen ausblieb, begann Teheran, alle 60 Tage das Atomabkommen ein Stückchen weiter außer Kraft zu setzen. Es nahm die Urananreicherungsanlage Fordo wieder in Betrieb, erhöhte die Anreicherung über die zulässigen 3,67 Prozent und steigerte die Produktion um das Elffache. Zugleich wurden die Iraner in ihrer Nachbarschaft aktiv. Ihnen werden die Beschädigung zweier Öltanker im Golf von Oman zugeschrieben (Juni 2019), ferner der Raketenangriff auf die saudische Raffinerieanlage Abqaiq (September 2019). Im Juni schossen sie eine amerikanische Drohne vom Typ Global Hawk ab. Einen Gegenschlag sagte der Präsident zehn Minuten vor Einsatzbeginn ab – der Fernsehkommentator Tucker Carlson von Fox News redete ihm das Unternehmen aus, schließlich habe er doch versprochen Kriege zu beenden, nicht neue anzuzetteln.

Sechs Monate später schlug Trump gleichwohl los. Am 27. Dezember war nahe der irakischen Stadt Kirkuk ein Amerikaner, Dolmetscher einer privaten Sicherheitsfirma, bei einer Attacke proiranischer Milizionäre auf US-Truppen getötet worden. Der Präsident sah eine entscheidende Linie überschritten und ordnete fünf Luftangriffe auf die Miliz an. Diese Vergeltungsaktion wiederum löste die Belagerung der amerikanischen Botschaft in Bagdad aus, bei der Iraker ihrem Zorn gewaltsam Luft machten. Seinerseits geriet Trump in Wut, als er im Fernsehen die Ausschreitung verfolgte; sie musste ihn an den Sturm radikaler islamistischer Studenten auf die Teheraner US-Botschaft im Jahre 1979 erinnern, wonach 52 Botschaftsangehörige 444 Tage in Geiselhaft gehalten wurden. Am 28. Dezember hatte er die Vergeltungsaktionen noch abgelehnt, die das Pentagon ihm vorschlug, darunter Angriffe auf iranische Schiffe, Raketenstellungen oder auf proiranische Milizen im Irak. Jetzt platzte ihm der Kragen. Und er entschied sich für die extremste Handlungsoption auf der Liste seiner Militärs, die Ermordung Soleimanis – eine Option, mit deren Ablehnung sie fest gerechnet hatten.

Es war ein typischer Trump-Beschluss: ohne jede ernsthafte Erwägung der gefährlichen Folgen. Senator Joe Biden, sein Rivale im beginnenden Präsidentschaftswahlkampf, hat völlig recht mit der Feststellung, der Präsident habe "eine Dynamitstange ins Pulverfass" geworfen. Vor Jahren hatte Trump Obama fälschlicherweise vorgeworfen, er wolle einen Krieg mit Iran beginnen, um wiedergewählt zu werden. Genau das könnte jetzt sein eigenes Motiv gewesen sein. Er will sich zwar nicht in neue Kriege verstricken, aber er will auch nicht als Schwächling erscheinen. Außerden lenkt die Krise vortrefflich von dem Amtsenthebungsverfahren ab, das inzwischen gegen ihn läuft.