Die Begründung für den Mordanschlag ist wenig überzeugend. "General Soleiman plante unmittelbar bevorstehende und sinistre Angriffe", sagte Trump. "Wir haben ihn in flagranti erwischt und eliminiert." Es gebe "klare und unzweideutige" Belege, fügte der Generalstabschef Mark Milley hinzu. Nähere Angaben gab es nicht. Andere eingeweihte Amtsträger in der Regierung sagen denn auch, es sei nichts Besonderes zu erwarten gewesen, sondern nur business as usual.

Manche Argumente für das Attentat klingen obskur. So brachte US-Vizepräsident Mike Pence es fertig zu unterstellen, die Iraner hätten den Schlag verdient, denn sie hätten auch hinter den Anschlägen vom 11. September 2001 gesteckt – als habe sie der 600 Seiten lange Untersuchungsbericht über Nine-Eleven nicht ausdrücklich entlastet; schließlich waren 15 der 19 islamistischen Attentäter Saudis.

Merkwürdig ist auch die Behauptung des Außenministers Pompeo, die Amerikaner seien nun im Mittleren Osten sicherer als zuvor. Schließlich fordert seine Botschaft in Bagdad gleichzeitig alle US-Bürger im Irak auf, das Land zu verlassen.

Die Rache der Iraner

Besonders seltsam ist schließlich, dass die Schweiz offenbar von den USA gebeten wurde, in Teheran vor Übersprungshandlungen zu warnen und stattdessen "eine verhältnismäßige Reaktion" anzumahnen. Was heißt das? Sollen die Iraner den amerikanischen Generalstabschef umbringen dürfen?

Mehr als merkwürdig, nämlich völkerrechtswidrig, unmoralisch und empörend, ist Donald Trumps getwitterte Warnung vor irakischen Vergeltungsaktionen: "Wenn Iran Amerikaner oder amerikanische Einrichtungen angreift, so haben wir 52 Ziele [eines für jede der Geiseln von 1979] ins Visier genommen, einige auf sehr hoher Ebene und bedeutsam für Iran und die iranische Kultur." Will er die heiligen Schreine in Maschhad bombardieren? Das Mausoleum des Dichters Hafis in Schiras in die Luft sprengen? Oder die Ruinen von Persepolis pulverisieren? Es würde ihn zum Kriegsverbrecher machen.

Die Iraner haben "kraftvolle Rache" angekündigt. Sie haben sich 35 Ziele in Mittelost ausgesucht. Man kann nur hoffen, dass sie sich mäßigen. Trump jedoch müssen die Europäer zurufen: Schluss mit den sprunghaften, bedenkenlosen und gedankenlosen außenpolitischen Rempeleien!

Donald Trump hat die Iraner, die gegen ihr Regime aufzubegehren begannen, im Hass gegen Amerika wiedervereinigt. Er hat das irakische Parlament dazu gebracht, den Abzug aller ausländischen Truppen zu verlangen; Irak rückt damit näher an Iran heran. Und er hat Iran dazu gebracht, seinerseits aus dem Atomabkommen auszuscheiden und sein Kernwaffenprogramm aufs Neue aufzunehmen. Soleimani war ein schwieriger, ja: ein gefährlicher Gegner, aber war er all dies wert? Wenn es zum Schlimmsten kommt, einen Weltenbrand?